Erstes Kapitel

Wie Hänschen von der Tante aufgezogen und im sechsten Lebensjahr in die Schule gebracht wurde

Das 1478. Jahr unseres Heils, das erste Jahr meines Lebens, stand im Zeichen des Gebetes „Sehet das Holz des Kreuzes“. Sechzehn Jahre nach der Einnahme unserer Hauptstadt1, zwei Jahre nach der Wallfahrt des Dorfes Niklashausen2 und nach dem Ende der Besetzung, als die Mutter wieder schwanger war und die Geburt unserer Schwester Margarete erwartete, wurde ich neun Monate nach meiner Geburt durch die Schwester des Vaters von der Mutterbrust genommen. Die Tante, welche kinderlos war, nahm mich an Kindes Statt an und hat mich etliche Jahre bis zu ihrem Tode recht liebreich und zärtlich erzogen. Als ich ins sechste Jahr kam, ließ sie mich, damit ich die Anfangsgründe des Wissens erlerne, die Schule besuchen, obwohl ich kaum erst richtig sprechen konnte. Sie war nämlich eine kluge Frau und mochte an jenes Dichters Rat denken, welchen sie vielleicht einmal gehört hatte:

Wenn du klug bist, o Jüngling, dann lerne in frühester Jugend.
Morgen ist es zu spät: heute drum, Knabe, gelernt!

❡ Und Salomo3 rät: „Wenn du Kinder hast, erziehe!“

❡ Auch Vergil4 ermahnt und ermutigt im zwölften Buch der Äneis die Knaben zur Bildung und Tugend:

Lerne von mir, mein Sohn, Tatkraft und ehrliches Streben,
Aber von anderen Glück. Heut’ wird im Kampfe dich schützen
Hier meine Hand und wird dich führen zu reicher Belohnung.
Sei des gedenk, sobald du trittst in reiferes Alter ...

❡ Und Ovid5 sagt: „Römische Jugend, ich ermahne dich, lerne die schönen Wissenschaften!“

❡ Und auch Seneca6 meint, Muße ohne Wissenschaft sei Tod und das Begräbnis eines lebenden Menschen.

❡ Schon darum, meinten die Alten, sei es notwendig, die Knaben zum Lernen anzuhalten, damit sie sich nicht müßig auf den Straßen umhertreiben, wo sie so leicht durch die Arglist des Bösen verdorben und von jenem Laster angesteckt werden, aus dessen Fesseln sie, auch wenn sie zu Vernunft gekommen sind, sich kaum je wieder befreien können. „Jedes Gefäß wahrt den Geruch, den es einmal erhalten, als es noch neu ...“, wie Flaccus7 bemerkt. Im Sprichwort sagt man: „Jung gewohnt, alt getan.“ Nach dem Zeugnis des Philosophen gleicht nämlich die Seele des Kindes einer unbeschriebenen Tafel: Die ersten Eindrücke bleiben am festesten darin haften. Gewiß aber kann es nichts Edleres und Nützlicheres geben als die Wissenschaft und die Tugend, deren Grundsätze man daher auch den Kleinen im zartesten Alter schon einprägen sollte, da ihr Gemüt noch empfänglich ist. Droht ihnen die Rute des Schulmeisters, so werden sie um so schneller das Gute üben und das Böse meiden lernen. Oftmals kommen sie in die Schule und haben schon im väterlichen Hause in zuchtloser Umgebung gelebt und bereits in zarter Jugend Böses gesehen und gehört, wodurch ihr Herz befleckt worden ist. Auch sagt ja schon die mosaische8 Überlieferung: „Der Sinn und die Gedanken des Menschen sind zum Bösen geneigt von seiner Jugend auf.“ Wie einer aber von jung auf sich gewöhnt hat, so bleibt er in der Regel bis zum Alter, wenn ihm nicht später eine besonders sorgfältige Unterweisung oder eine besondere Hilfe des Himmels zuteil wird. Mit Fug und Recht sagt daher der weise Mann9: „Der Jüngling wird von seinem Wege nicht weichen, auch wenn er alt geworden ist.“ Darum soll kein schändliches Wort die Schwelle des Heiligtums berühren, in dem ein Kind wohnt. Fernbleiben sollen davon zuchtlose Dirnen und nächtliche Gesänge der Liebhaber. Ganz besondere Scheu und Ehrerbietung sollst du vor dem Kinde haben. Wenn du etwas Schändliches vorhast, dann achte die Jahre des Kindes nicht gering. Wenn du sündigen willst, muß dein kleines Kind dir fern sein.

❡ Dieses und noch vieles andere, was sie von den Predigern in der Kirche aus den Werken heidnischer wie katholischer Schriftsteller über die Erziehung der Kinder gehört hatte, bewahrte die weise Frau in ihrem Herzen und sah mich daher lieber in der Schule fernab von den leichtfertigen Dienstboten, als daß ich den Tag über daheim im Hause blieb.

Zweites Kapitel

Wie gut es Hänschen bei der Tante hatte und wie er diese später durch den Tod verlor

Ich wurde nun, um lesen zu lernen und vor Müßiggang und Verführung bewahrt zu werden, von der Tante in die Schule gebracht. Fürs erste machte sie mir Freude an der Schule, indem sie mich mit Bretzeln beschenkte; denn es war gerade Fastenzeit, und zwar das Fest des heiligen Gregor. An diesem Tage kamen nach alter Sitte die Kinder zum ersten Male in die Schule10. So machte sie es mir anfangs angenehm, nach jenem Worte des Horaz: „Geben doch freundliche Lehrer seit alters Plätzchen den Kindern, daß sie die Anfangsgründe des Wissens mit Freuden bereit sind zu lernen."11

❡ Als aber dann die Bretzeln, Feigen, Rosinen und Mandeln, mit denen man in den ersten Tagen die neuen Schulkinder anzulocken und wie eine junge Pflänzung zu hegen sucht, mit der Fastenzeit aufhörten, da schien es der Tante, als hätte sich alle Lust zum Lernen bei mir verloren. Jetzt, so meinte sie, müsse mir diese nicht mehr mit Schmeichelworten, sondern mit Furcht beigebracht werden. Wollte ich nun nicht, so sorgte sie dafür, daß ich mit scharfen Ruten in die Schule getrieben wurde, in welche sie mich vordem mit Obst und Backwerk gelockt hatte. So war ich ungefähr vier Jahre in die Schule gegangen und von meiner Pflegemutter mit aller Sorgfalt und Liebe heran gezogen worden, als sie von einer Krankheit befallen wurde und es Gott gefiel, sie aus diesem Leben scheiden zu lassen. Oh, was gab es da bei Freunden und Nachbarn für großes Leid! Wie groß war der Jammer bei Witwen und Waisen, denen sie von ihrer Habe täglich so reichlich Almosen gespendet hatte. Sie war nämlich sehr reich. Doch mancher, der mit ihren Verhältnissen nicht näher bekannt war, konnte denken, sie stamme aus einer geringen Familie ähnlich der unsrigen. Gebürtig aus dem Städtchen Butzbach im Gau Buchonien, der gewöhnlich die Wetterau genannt wird, war sie als fremdes Mädchen in die Stadt12 gekommen; und der Spender alles Guten hat es so gefügt, daß sie einem sehr vermögenden Mann anvermählt wurde. So lange sie lebte, vergrößerte sich das Vermögen über die Maßen und schien von Tag zu Tag fast zusehends sich zu mehren. Aber diesen Segen hatte der Mann nicht so sehr seinen eigenen Bemühungen zu verdanken (er war Handwerker); vielmehr schrieb er ihn mit Recht der umsichtigen Hauswirtschaft und dem tugendhaften Wandel seiner Hausfrau zu.

❡ Doch bald mußte er seinen Hausstand schwinden sehen, als er nach dem Tode der ersten Frau eine blutjunge Person zur Frau nahm, die an Alter und Charakter von der ersten sehr verschieden und ziemlich leichtfertig war. So vermögend und glücklich er mit jener gewesen war, ebenso plötzlich und schnell kam er mit dieser durch Verschwendung in Elend und Armut. Manche wunderten sich darüber, meinten aber, es sei ihm nach einem gerechten Gottesgericht, so widerfahren. Hatte er doch aus törichter Liebe zu seiner zweiten Frau den letzten Willen der ersten, ob deren Klugheit und Frömmigkeit ihn Gott so in seiner irdischen Habe gesegnet hatte, nicht erfüllt. Das Testament nämlich, das sie gemacht, hat er bis auf den heutigen Tag nicht ausgeführt. So ist er denn auch vor längerer Zeit mit diesem Versäumnis hinweggestorben und hat seine Tochter so unglücklich und mit Schulden beladen hinterlassen, daß dieser nach Verkauf der Habseligkeiten und Befriedigung der Gläubiger kaum die vier kahlen Wände des Hauses übriggeblieben sind.

❡ Wenn ich aber von der ersten Hausfrau, meiner Tante, reden soll: Wie liebreich war sie gegen die Armen, und wie verstand sie es, die Habe des Hauses durch Umsicht zu mehren! Wie fromm und gottesfürchtig war sie, die brave Frau, bei all ihrem täglich wachsenden Reichtum! Oft erinnere ich mich, daß sie, wenn ihr Eheherr verreist war und sie dann ein kleines Mädchen bei sich schlafen ließ, die Nacht mehr mit Beten als mit Schlafen zubrachte oder daß sie fast die ganze Nacht sich keine Ruhe gönnte, um mich über die Gottesfurcht, die Gebete Gottes, die rechte Art zu beten und in den guten Sitten zu unterweisen. Ja, wenn ich solch eine Mutter bis heute behalten hätte, dann würde ich fürwahr niemals in so großes Elend geraten sein, wie ich es in diesem Büchlein beschreiben will. So groß war nämlich ihre Liebe zu mir, daß man von ihr sagte, sie halte mich nicht etwa wie eines Bruders Kind, sondern nähre und pflege mich wie ihr eigenes auf das beste.

❡ Ich Unglückseliger! Damals aß ich Semmeln, bald danach sollte ich unter den Tischen fremder Herren von dem gröbsten Brote mir die Krumen auflesen. Damals ließ ich mich vor den Augen unserer Freunde mit roten Schuhen und glänzenden Kleidern sehen; kurz danach sollte ich als Verbannter bei unbekannten Menschen meine Tage zubringen, einem üppigen Acker vergleichbar, welcher zuerst den ihm anvertrauten Samen an den Sonnenschein hervorwachsen läßt zur Freude seines Herrn, danach aber dessen Auge besorgt macht, wenn er wüst daliegt, starrend vor Reif und Frost. Also ging es auch mit mir und meiner Tante, oder, wie sie genannt sein wollte, meiner Mutter. Solange sie lebte, wuchs ich auf wie ein feiner Knabe, bald aber sollte mich starr ein rauhes Gewand bedecken. Wenig fehlte, so hätte man jenes ironische Wort des Dichters auf mich anwenden können: „Diesen Knaben wünschen zum Schwiegersohn sich der König und seine Gemahlin.“ Auf allen meinen Pfaden sproßten Rosen, wie derselbe Satiriker sagt. Flüchtig und fröhlich verrannen dem blühenden Knaben die Jahre. Ohne zu wissen, wie glücklich ich war, lebte ich dahin und bedachte nicht bei mir, wie kurz die Lebenszeit der Sterblichen ist.

❡ Doch genug mit dieser Abschweifung! Indem ich weitererzähle, empfehle ich bei dieser Erinnerung an die frohe Kinderzeit die gute Mutter dem lieben Gott und wünsche, daß es ihr wohlergehe in dem Vaterland, das sie nunmehr bewohnt.

Drittes Kapitel

Wie Hänschen einem Schüler mit auf die Wanderschaft gegeben wurde

Nach dem Tode der Pflegemutter wurde ich heimgeholt zu den Eltern, mußte aber gleichwohl den angefangenen Schulbesuch fortsetzen. Um meinen kindlichen Unverstand zu gestehen: Beim Tode der Tante schien es mir kein geringer Trost, daß ich meinte, nun doch der Schule ledig zu sein. Da ich aber wie zuvor wider Willen zum Lernen angehalten wurde, fing ich an, die Schule zu schwänzen. Ich verbarg mich dann am Mainufer in irgendeinem Kahn, wo ich mich so lange vorsichtig versteckt hielt, bis die Schule aus und es Zeit war, nach Hause zu gehen. Wenn mich dann der Schulmeister, den ich wie das Feuer scheute, wegen meines Fehlens zur Rede stellte, so antwortete ich, die Eltern hätten mich des Geschäfts wegen zu Hause gehalten, und ich hätte dies oder das tun müssen. Als ich aber an einem Freitag wieder nach dem Grund meines Schulversäumnisses gefragt wurde und aus heilloser Angst ganz verwirrt war, stotterte ich als Entschuldigung hervor, ich hätte zu Hause das Fleisch ans Feuer setzen und vielleicht noch eine andere, an diesem Tage ungewöhnliche Arbeit verrichten müssen. Nun mußte ich die lange verdiente Strafe über mich ergehen lassen. Ich hatte nämlich nicht darauf achtgegeben, was für einen Tag wir gerade hatten. Die Lüge war klarer als die Sonne. Was ich nun aber nach solcher Überführung für eine Strafe auszuhalten bekam, davon zeugten noch viele Tage lang die Striemen.

❡ Seitdem wurde ich ein wenig gescheiter und verlernte fast das Schuleschwänzen, zumindest so lange ich noch die Schmerzen der Züchtigung spürte und mein Rücken noch nicht heil war. Aber bald waren die Schläge wieder vergessen, und als ich wieder eines Abends nicht aus der Schule, sondern nach alter Gewohnheit aus dem Kahn nach Hause kam und den Eltern nicht wie gewohnt die an dem Tag vorgekommenen lateinischen Vokabeln aufsagen konnte, wurden sie stutzig, beschuldigten mich, die Schule versäumt zu haben, und nannten mich einen Lügner. Sie wiesen mir nach, daß meine Wörter dieselben waren, die vor wenigen Tagen schon vorgekommen waren. Als nun auch noch andere Mitschüler, über die Sache befragt, mich zum Lügner machten, wurde ich am andern Morgen von der Mutter beim Kragen genommen und in die Schule geschleppt.

❡ Als wir eintraten, rief der Schulmeister dem Unterlehrer zu (der Hauptlehrer, der für verständiger galt, war gerade abwesend): „Sieh da, unser ungeratenes Söhnchen! Den sollt Ihr für sein Herumlaufen einmal nach Gebühr tüchtig strafen!“ Das sprach er, aber ich glaube, er wußte gar nicht, was er sagte. Wütend packte mich jetzt der Mietling (so nannten wir ihn gewöhnlich), ließ mir die Kleider vom Leibe reißen und mich an einen Pfosten festbinden; und nun schlug der harte Kerl auf das heftigste und unbarmherzigste mit Ruten auf mich ein.

❡ Die Mutter war noch nicht weit von der Schule weg; als sie mich nun so jämmerlich heulen und schreien hörte, kehrte sie spornstreichs um, trat vor die Tür, und als der Scherge und Henkersknecht ein wenig mit den Schlägen nachließ, schrie sie mit furchtbarer Stimme. Der aber, wie wenn er taub wäre, hörte nicht darauf und hieb noch heftiger darauflos; währenddessen mußte die ganze Schule ein Lied singen.

❡ Als er aufgehört hatte, in dieser Weise gegen mich zu wüten, stieß die Mutter mit Gewalt die Tür auf und stürzte herein. Da sie mich an den Pfosten gebunden und so gräßlich mit harten Schlägen zugerichtet und mit Blut bedeckt sah, fiel sie ohnmächtig zur Erde nieder, und fast wäre sie in dieser Ohnmacht gestorben. Die Schüler hoben sie vom Boden auf, und als sie dann wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war, ging sie den Schulmeister mit harten Verwünschungen an und schwor, daß ich von Stund an diese Schule nicht mehr betreten solle; sie werde bei dem Stadtrat mit ihren Klagen so lange nicht ruhen, bis keines Bürgers Kind eine solche Schule mehr betrete. Und so geschah es auch. Noch am selben Tage, als das Gerücht von dem Geschehenen zum Rat drang, wurde der Unterlehrer aus der Schule fortgejagt, und aus einem Erfurter Bakkalaureus13, der er war, wurde ein Miltenberger Stadtknecht oder Büttel. So geschah es denn auch ganz recht, daß ein Mensch, der sich in seiner Grausamkeit gegen Kinder nicht mäßigen konnte, Gelegenheit bekam, diese an Verbrechern end aufrührerischen Menschen zu üben. Obwohl ich denken muß, daß ihm so sein Recht geschehen ist, so habe ich doch, als ich vor längerer Zeit in unserer Vaterstadt war und er inständig und demütig mich um Verzeihung bat, im ehrerbietigen Andenken an die Geißelung unseres Herrn Jesus Christus ihm von ganzem Herzen vergeben.

❡ Während dieses mit mir sich zutrug, da war unseres Nachbarn Sohn, ein großer Schüler (ein sogenannter Beanie oder Bacchant)14, vor wenigen Tagen von fremden Schulen zurückgekommen. Dieser machte sich an meinen Vater heran und bat schmeichelnd, mich ihm mit in die Lehre zu geben; bei ihm, versprach er, würde ich anderswo in kurzer Zeit mehr Fortschritte in den Wissenschaften machen als hier in langen Jahren. Ohne Schwierigkeit erlangte er des Vaters Einwilligung. Bald sind Kleider und Bücher angeschafft. Wie dem getreuesten Erzieher stopft man jenem den Gurt voll, und was auf lange Zeit hin mein Unterhalt erfordert, wird ihm ohne weiteres gegeben. Alle diese Vorbereitungen versetzten mich in freudige Stimmung. Er tat sehr freundlich und wußte meine Freude unablässig mit schönen Worten zu nähren. Als wir nun reisefertig dastanden, klatschte ich vor Lust in die Hände und hatte eine unbändige Freude. Ich glaubte doch steif und fest (wie ich oft im Scherz hatte sagen hören), anderswo wären die Zäune aus Bratwürsten geflochten und allenthalben die Dächer der Häuser mit Kuchen gedeckt. Aber ich Armer sollte nach wenigen Tagen das Gegenteil gewahr werden.

Viertes Kapitel

Wie Hans von den Seinigen Abschied nahm

Ich sagte also allen Lebewohl. Aber alles Weinen der Brüder, Schwestern und sonstigen Verwandten machte keinen Eindruck auf mich, da ich nach den Vorspiegelungen jenes verschmitzten Schülers meinte, draußen sei der Freitag fetter als daheim der Sonntag. Wenn mich jemand fragte, wann ich wiederzukommen gedächte, so antwortete ich: „Über zehn Jahre, wenn ich erst ein großer Herr und ein solcher Doktor wäre, daß alle mit Finger auf mich zeigten und sagten: „Da, da ist er!“ Einige lächelten und sagten: „Sieh zu, daß du nicht nach zehn Tagen den Mut verlierst und dein Vorhaben dir leid wird und du am Ende gern den Tag für ein Jahr gerechnet hättest. Solches hieß aber tauben Ohren predigen.

❡ Ich reichte den Eltern wohlgemut meine Hand zum Abschied; der Vater erwog wehmütig bei sich, daß er mich wohl niemals wiedersehen werde; Tränen brachen aus seinen Augen hervor, und er blickte ein Weilchen gar traurig drein; dann umarmte er mich heftig, bedeckte mich mit den innigsten Küssen und vermochte vor heftigem Weinen kein Wort hervorzubringen. Da erst kamen auch mir die Tränen, und ich fing an zu empfinden, wie traurig das Scheiden von den Lieben ist.

❡ Das hatte der Schüler nicht sobald wahrgenommen, als ihm die Besorgnis kam, ich möchte mich durch die zärtliche Liebe der Eltern zum Bleiben bestimmen lassen. Besorgt wandte er sich an den Vater ind suchte ihm mit folgenden Worten Trost zuzusprechen: „Lieber Meister Konrad (so nannte er den Vater), weint nicht und seid nicht so betrübt: Für Euern Sohn habt Ihr nichts zu befürchten. Ich hoffe, daß Ihr ihn, wenn wir am Leben bleiben, über zwei oder drei Jahre gesund und wohl, brav und wohlbewandert in den Wissenschaften und von mir anständig behandelt wiedersehen werdet.“ Seufzend sagte der Vater zu ihm: „Wenn es Gott gefällt, so kann deine Hoffnung sich erfüllen. Sonst wird dieses mein Siechtum mich zwingen, aus diesem Licht fortzuwandern, bevor er zurückgekehrt ist. Ich bitte dich bei Gott und deinen Eltern, meinen lieben Nachbarn, daß du ihn in gesunden wie in kranken Tagen unter deine sorgliche Obhut nimmst und ihn nirgendwo im Stiche läßt. Solltest du über das von mir Empfangene hinaus noch Auslagen machen müssen, so werde ich oder - falls mich inzwischen der liebe Gott von hier abberufen sollte — diese meine liebe Hausfrau oder meine andern Angehörigen es dir gern wiedererstatten. Nur daß du mir ihn zur Zeit der Not, wie ich es von dir erhoffe, nicht verläßt!“ Er verpflichtete sich mit mehreren Schwüren, getreulich so zu handeln, und versprach es ihm fest in die Hand. 

Fünftes Kapitel

Wie Hans gute Ermahnungen vom Vater mit auf die Reise bekam

Dann wandte der Vater sich mir zu und gab mir mit wehmütiger Stimme etliche gute Ermahnungen zum Andenken und letzten Lebewohl. Oft von tiefen, schmerzlichen Seufzern unterbrochen, sprach er: „Sieh, mein liebster, erstgeborener Sohn, jetzt ist die Stunde da, wo du deiner Ausbildung wegen weit von uns fort mußt in die Fremde. Von uns kann niemand mehr für dich Sorge tragen, außer diesem Einzigen, dessen Obhut ich dich anvertraue. Weder ich, der ich dich vielleicht nun nicht mehr sehen werde, noch die Mutter, noch einer aus unserer Verwandtschaft können dir fortan zur Seite stehen. Doch unserm Herrgott befehle ich dich an; den sollst du in Furcht und Liebe allzeit vor Augen haben. Des Morgens, wenn du aufstehst, sollst du ihm mit reinem, frommem Sinn für den empfangenen Schutz von Herzen Dank sagen und sollst ihn demütig anflehen, daß er dich den Tag über vor aller Widerwärtigkeit an Leib und Seele barmherzig bewahren möge. Gleiches unterlaß nicht am Abend zu tun, wenn du zu Bette gehen willst. Ich bitte dich auch, daß du bei allen deinen Gebeten an mich Sünder und an alle die Deinigen immerdar vor Gott zu unserem Heile gedenkest. Hüte dich vor schlechter Gesellschaft; das Lügen und die Gewohnheit zu schwören, sollen dir gar verhaßt sein. Fremdes Gut sollst du nicht rauben, noch jemals etwas haben, was nicht dein ist; was dich nichts angeht, laß liegen. Schweigsam sollst du sein, aber wenn du über etwas gefragt wirst, nicht ganz stumm bleiben; sollst vielmehr lernen, alsdann mit wenigen, ehrerbietigen Worten nach aller dir bekannten Wahrheit zu antworten. Du sollst kein Denunziant und Verleumder werden und nicht leicht andere verklagen, damit du bei denen nicht verhaßt werdest, mit welchen du zusammen wohnen mußt. Höre viel und sprich wenig und hüte dich, fremden Angelegenheiten nachzuspüren oder Dinge wissen zu wollen, die dich nichts angehen. Habe Achtung vor älteren Menschen; ehre die Geistlichen, liebe deine Lehrer und sei ihnen allen folgsam. Wo du auch: immer hinkommst, da sollst du dich nicht nur dem Hausherrn, vielmehr auch den Kindern und der Familie unterwürfig zeigen, mit Demut und Unverdrossenheit. So wirst du dir bald deren Wohlwollen gewinnen und, wenn sie dir günstig sind, auch leicht, so dir das Geld ausgeht, des Leibes Notdurft von ihnen erlangen. Die Reinheit des Herzens bewahre in Gottesfurcht; der Mutter Gottes und deinen Patronen sei eifrig ergeben; und außer diesen Heiligen sollst du deinen Schutzengel, der dich glücklich wieder heimgeleiten möge, jeden Tag durch ein besonderes Gebet vor Gott verehren. Hüte dich, daß du niemals, weder im Glück noch im Unglück, Gott vergißt. Geh gern täglich in die Kirche und ehre überall dort andächtig die Reliquien der Heiligen und trachte deren Hilfe bei Gott zu gewinnen. Höre gern die Messe sowie das Wort Gottes mit dem Vorsatz, es zu befolgen und in deinem Herzen zu bewahren. Achte auch auf die Reinheit des Körpers und der Kleidung, und du wirst von deiner Umgebung gern gesehen sein. Weichlichkeit, Ausgelassenheit, Spöttereien, Possen und schändliche Reden - damit sollst du niemals dich abgeben; noch mit solchen umgehen, die daran Freude haben; dem Studium der Wissenschaften, zu deren Erlernung du ja ausgeschickt wirst, sollst du mit allem Eifer obliegen; und damit du in den Wissenschaften täglich größere Fortschritte machst, sollst du Gott, von dem alle Weisheit und Wissenschaft kommt, täglich inständig bitten und dich unablässig bemühen, seine Gebote zu halten.“

❡ Nachdem er in dieser Weise eindringlich zu mir gesprochen hatte, nahm er eine Kanne mit Wein, machte darüber das Zeichen des Kreuzes und sagte: „Nimm, mein liebster Sohn, und trink zu guter Letzt mit mir den Segen des heiligen Johannes.“ Da ich ihn nun bat, zuerst davon zu kosten, wollte er nicht trinken. Als er dann nach mir getrunken hatte, reichte er mir die Kanne zurück, damit ich sie der Mutter, den Brüdern und Schwestern sowie unsern übrigen Verwandten reiche.

❡ Als dann jeder von ihnen ein wenig gekostet hatte, lud er meinen Begleiter, der jetzt gleichsam seine Stelle bei mir vertreten sollte, mit freundlichen Worten ein, auch einen Trunk zu nehmen. Als dies geschehen war, sprach er zu ihm: „Lebe wohl, mein Lieber! Und laß dir meinen Sohn wie dein eigen Herz empfohlen sein; gehe wohlwollend, liebreich und freundlich mit ihm um; unterweise ihn getreulich in den guten Sitten und in den Wissenschaften um deiner Eltern willen, denen ich es immer gedenken will und durch deren Liebe ich dich aber und abermals bitte.“ Darauf sprach jener zu ihm: „Ihr mögt Euch bestens zufrieden geben! Immer werde ich fleißig für ihn Sorge tragen, wie für mich selber.“ Darauf der Vater: „Ach, tu nun auch so, wie Du sprichst!“ Jener erwiderte: „Des mögt Ihr durchaus keinen Zweifel haben.“ Nach diesen Worten trat der Vater zu mir, umarmte und küßte mich; er nahm meine rechte Hand in die seinige, zog mich mit der linken an seine Brust und sprach dann zu mir folgendes letzte Wort: „Segne dich Gott, mein lieber Sohn! Und möge er dich für würdig befinden, wenn du inzwischen der Wissenschaft und der Tugend dich befleißigst, dich zu seinem Diener und für uns alle zu einem Fürsprecher bei ihm zu erwählen!“ Und weiter sagte er: „Lebe wohl im Herrn Jesus, der dich zugleich mit uns für ewig selig machen wollel“ Bei diesen Worten vergoß er die bittersten Tränen und schickte sich an, zur Kirche zu gehen, um uns dem Herrn zu empfehlen.

❡ Als er wegging, nahmen wir unser Bündel, und nachdem jetzt allen Lebewohl gesagt war, lenkte der Schüler seine Schritte dem Tore zu. Langsam ging ich mit der Mutter hinterdrein. Auch meine kleinen Brüder und Schwestern gaben mir mit mehreren anderen von meinen Kameraden das Geleit bis zur Pforte. Hier sagten wir ihnen nochmals Lebewohl und entließen sie nach Hause. Die Mutter ging noch weiter mit auf der Straße vor dem Tore und gab mir wie der Vater noch heilsame Unterweisungen, gar häufig von Schluchzen unterbrochen.

Sechstes Kapitel

Wie schwer der Mutter der Abschied fiel

Der Schüler fürchtete, ich könnte von dem Weinen der Mutter weich werden. Er sprach deshalb zu ihr: „Ach, teure Mutter, betrübt Eure Seele nicht allzu sehr! Denn, so Gott will, werde ich Euch binnen kurzem Nachricht geben, wie treflich es uns geht und wo Ihr uns besuchen könnt. Weiter als bis Nürnberg werde ich nicht mit ihm gehen. Und dahin kommen ja alle Tage unsere Kaufleute mit ihren Pferden und Frachtfuhren, und die können dann von Euch zu uns und von uns zu Euch die Grüße überbringen. Deshalb sollt Ihr wegen Eures Sohnes gar wohl getröstet und aufs beste zufrieden sein. Ich bitte Euch daher, geht jetzt nach Hause und tröstet dort Euern siechen und traurigen Eheherrn. Schon neigt sich die Sonne zum Untergang, und wir haben weiter bis zur Herberge als Ihr nach Hause; laßt uns daher jetzt, ich bitte schön, schnell auf den Weg machen.“ So von dem Schüler verabschiedet, eilte sie ihm, da er schon einige Schritte voraus war, nach, reichte ihm die Hand und drückte ihm dabei heimlich etliche Silberpfennige in die Hand. Dann empfing sie auch von mir das letzte Lebewohl, preßte mich unter den herzlichsten Umarmungen an ihre Brust und küßte mich. Alsdann empfahl sie mich dem Herrn und seiner heiligsten Mutter und ließ von mir.

❡ Als es nun wirklich zum Scheiden kam, o was kam da über uns für große Trauer und Klage! Welcher Strom von Tränen benetzte die Wangen! Welche tiefen Seufzer, die uns fast das Herz brachen! Wie bitteres Schluchzen beiderseits! Ich weinte, und sie weinte; ich schluchzte, sie zerfloß in Tränen, so daß es einen Stein hätte erweichen müssen. Oh, wie vielmals blickte eins nach dem anderen sich um, so lange die gerade Richtung des Weges uns noch erlaubte, einander zu sehen. O welch bitterer Schmerz, als jetzt eine Krümmung der Straße uns den gegenseitigen Blicken entzog! Da fing ich erst an, kindliche Liebe gegen die Eltern zu empfinden, die ich ihnen nicht ferner mehr beweisen konnte. Ja, da erst begann ich inne zu werden, wie groß doch die nie täuschende Liebe der Eltern gegen ihre Kinder ist, und wurde daran gewahr, wie schmerzlich der Liebenden Scheiden ist.

❡ Geschieden voneinander, so daß keines das andere, ja daß wir selbst die Vaterstadt nicht einmal mehr sehen konnten, wanderten wir gut zwei Meilen weit bis zu dem Städtchen Külsheim, und da konnte ich mich fast die ganze Nacht hindurch der heißesten Tränen nicht erwehren. Immer wieder rief ich nach der Mutter und wollte mich gar nicht trösten lassen, so daß ich auf diese Weise den Schüler nicht wenig gegen mich aufbrachte.

Siebentes Kapitel

Wie traurig es erst sein muß, vom lieben Gott geschieden zu werden

Hieraus, mein lieber Philipp, können wir eine Lehre ziehen. Wenn schon das Scheiden von Eltern, Freunden oder sonstigen geliebten Menschen, die uns hienieden nahestehen, so traurig ist und so ungeheures Wehe verursacht; um wieviel trauriger muß dann jene Trennung auf Nimmerwiedersehen sein, die sich mit dem Menschen vollzieht, wenn durch den unerbittlichen Tod der Leib von der Seele geschieden wird, die doch mit jenem durch ein so festes und inniges Band verbunden ist, wie es niemals zwischen den Menschen besteht! Aber für noch unendlich trauriger, ja für die allerbitterste Trennung muß zweifelsohne jene gehalten werden, durch welche die sündige Seele nicht etwa von Vater oder Mutter auf Erden, sondern von unserm höchsten Gott, dem Schöpfer aller Dinge, ihrer Sünden wegen nach dem Urteil des gestrengsten Richters für ewig durch die weiteste Kluft geschieden wird. Damit wir diese Trennung vermeiden, müssen wir notwendig das ersterwähnte doppelte Scheiden ertragen. Was diese dreifache Trennung betrifft, merke Dir folgende Verse, die Du Deinem Gedächtnis einprägen magst:

Liebende scheiden wohl traurig,
noch trauriger Leib sich von Seele;
Doch am traurigsten ist es,
von Gott auf ewig zu scheiden.

Das erste ist erträglich, das zweite unausweichlich und schrecklich, das dritte aber voll Jammer, Entsetzen und Verdammnis.

❡ Doch genug mit solchen Betrachtungen, die sich eigentlich mehr für einen Gottesgelehrten als für einen Geschichtserzähler gehören!

Achtes Kapitel

Wie der Schüler anfing, den Schafpelz abzuwerfen

Der Eltern beraubt und heimatlos geworden, unaufhörlich stöhnend und laut weinend, so folgte ich in einigem Abstand zögernden Schrittes dem voraneilenden Schüler. Wenn ich auf seinen Wink nicht jedesmal gleich nachkam, so bekam ich immer härtere Worte und immer herbere Vorwürfe von ihm zu hören, je weiter der Weg uns von daheim wegführte. So verletzte er noch mehr mein ohnehin schon wundes Gemüt; denn er war von Charakter über die Maßen hartherzig. Je weniger er bei meiner Unkenntnis des Weges und der wachsenden Entfernung mein Entfliehen zu fürchten hatte, desto mehr trachtete er mich gleichsam an den Zügeln der Furcht nachzuzerren und durch seine Drohungen wie mit Sporen mich anzustacheln.

❡ Nach einem Marsch von gut zwei Meilen, die aber wahrlich kein Vergnügen waren und die jedenfalls dermaleinst von zwei sterblich ineinander Verliebten gemessen worden sind, kamen wir von Miltenberg mit einbrechender Nacht in dem obenerwähnten Städtchen Külsheim an. Müde folgte ich dem Schüler in die beste Herberge, die es dort gab.

Neuntes Kapitel

Wie der Schüler in der Herberge zu Külsheim es sich wohl sein ließ und Hans nichts bekam

Als wir unter die Tür der Herberge traten, kam uns der Wirt entgegen und fragte gar neugierig, was für Landsleute wir seien, wohin des Weges wir wollten und was unser Begehr sei. Der Schüler gab ihm kurz Bescheid und bat ihn, uns zu beherbergen.

❡ Da sagte der Wirt: „Wenn Ihr brav Geld habt und tüchtige Zecher seid, sollt Ihr mir hochwillkommene Gäste sein.“

❡ Der Schüler entgegnete: „Geld genug in Bänken. Du aber laß jetzt den Tisch zurichten und Essen und Trinken in Fülle auffahren!“

❡ „Du sprichst vortrefflich“, erwiderte der Wirt; „gar schnell will ich und mit Freuden tun, was du begehrst; ich wollte aber doch, es wären Eurer mehr da; denn in der Hoffnung auf kommende Gäste habe ich heute für den Abend ein ziemlich reichliches Mahl zurichten lassen.“

❡ Als der Schüler das hörte, sprach er: „Das trifft sich ja prächtig, daß Ihr eine so nette Erquickung zubereitet habt; denn ich habe hier etliche Verwandte, mit denen ich zum Abschied noch einen lustigen Abend verbringen will. Da sie hier in Diensten und arm sind, so werde ich Euch, darauf könnt Ihr Euch verlassen, deren heutige Zeche bezahlen.“

❡ „Abgemacht“, sprach der Wirt, „ich will sie gleich rufen lassen.“

❡ Sie ließen auch nicht lange auf sich warten, setzten sich an den Tisch und ließen sich’s trefflich munden. Der Schüler aber kümmerte sich nicht darum, wo das arme Studentlein steckte.

❡ Da sprach die Wirtin zu ihm: „Wo ist denn der junge Mensch geblieben, der mit Euch gekommen ist?“

❡ Jener schaute hinter sich und sagte: „Ich denke, er wird dort, in der Hell’ (das heißt hinter dem Ofen) bei den Scheiten, müde von der Reise, eingeschlafen sein. Laßt ihn nur schlafen und ruhen; der Schlaf wird ihm mehr wohl tun als das Essen.“

Zehntes Kapitel

Wie Hans mit dem Schüler über Bischofsheim und Windsheim nach Langenzenn kam

Ich war aber nicht, wie er sagte, in Schlaf versunken; was ich indessen bei seinen Worten dachte, wagte ich nicht zu sagen. Den Tag hindurch nämlich hatte ich wegen der Beschäftigung mit den Vorbereitungen für die Reise sehr wenig gegessen, und es würde mir auch nicht geschmeckt haben. Nun aber war ich hungrig, doch ohne von ihm gerufen zu sein, war ich auch nicht so kühn, an den Tisch zu kommen. Gleichwohl ließ das Knurren meines Magens und der Stachel des Hungers mich weder schlummern noch ruhen. Ich stellte mich dennoch schlafend und ergab mich in mein Schicksal, wobei ich mir recht elend vorkam, verwaist und verstoßen. Als die Mahlzeit vorüber war, bezahlte der Schüler für all seine Leute die Zeche von meinem Gelde, gerade als wäre es das seinige. Was sollte ich dazu sagen? Oder was hätte ich unter meinen Umständen wagen können zu tun oder zu denken? Er betrachtete mich ja als ihm in die Hand gegeben und gleichsam verkauft, oder für seinen Findling, als sein Eigentum.

❡ In aller Frühe nun brachen wir von dort auf und kamen nach dem zwei Meilen entfernten Bischofsheim. Dort nahmen wir einen kleinen Imbiß und wanderten dann weiter gen Windsheim, einer kaiserlichen Stadt. Als wir dort ankamen, konnte ich mich nicht genug verwundern über die gewaltigen Stadtmauern, über die himmelhohen Häuser, Kirchen und Türme, dergleichen hatte ich vorher weder in unserer Vaterstadt noch sonstwo je gesehen.

❡ Am nächsten Tag reisten wir weiter und kamen zur Stadt Langenzenn.15 Hier wurden wir von einem Bürger, einem Weber, der vor nicht langer Zeit mehrere Jahre bei meinem Vater gearbeitet hatte, liebreich aufgenommen, beherbergt und sehr gastlich und kostenlos bewirtet. Wir richteten auch von den Eltern die herzlichsten Grüße an ihn aus, wie sie es aufs inständigste gewünscht hatten. Er tröstete mich auch gütig wie sein eigenes Kind über die Trennung von meinen Eltern und wußte mir am Ende all meinen Kummer zu nehmen. Er wurde nicht müde, meinen noch immer betrübten Sinn durch freundliches Zureden aufzuheitern. Er ließ nicht ab, mein trauriges Herz mit milden Worten zu trösten, und führte mit beredtem Munde als Beispiel an, daß ja auch er sowie mein Vater und viele andere mir bekannte Personen geistlichen und weltlichen Standes manches in der Fremde hätten aushalten müssen, um etwas zu lernen.

❡ Am andern Morgen wurde ich von ihm wohlerquickt und getröstet entlassen und dem Schüler noch einmal anempfohlen. Dann wanderte ich weiter mit meinem Bündelchen auf dem schwierigen, mühseligen und ungewohnten Wege, immer etwas hinter dem Schüler hergehend, auf Nürnberg zu, welches eine sehr berühmte Handelsstadt ist.

Elftes Kapitel

Wie Hans in Nürnberg einzog

Da ich jetzt von weitem die Türme und den blauen Rauch von Nürnberg sah, meinte ich fast, nicht etwa eine einzige Stadt, sondern eine ganze Welt zu sehen. Ich dachte, wir hätten bis dahin kaum noch eine halbe Meile. Als ich aber Leute, die uns begegneten, fragte, wie weit es noch wäre, sagten sie: „Es sind noch drei Meilen.“

❡ Nicht sowohl ob der Länge des Weges als wegen des ungeduldigen Verlangens, die Stadt zu erreichen, deren Anblick in so großer Entfernung schon vor uns lag, wurde uns diese Strecke beschwerlich. Um aber die Beschwerlichkeit erträglicher zu machen, begann der Schüler, etwas von seinen eigenen Vorzügen zu erzählen. Gesang oder eine kleine Geschichte lassen ja gewöhnlich den Wanderer des Marsches Mühsal vergessen.

❡ Als wir endlich gegen Abend der Stadt uns näherten, ließen wir uns vor den Wällen und Mauern ein Weilchen nieder und rüsteten uns zum Einzug in die Stadt. Die Freude daran suchte er mir durch seine Witzeleien zu verderben.

❡ „Weil du bisher noch nie hier gewesen bist“, sagte er, „wird man dir das Maul vermauern müssen, damit du es aus Neugierde nicht so weit aufsperren kannst.“ Als mir auf diese Bemerkung die Tränen in die Augen traten, sagte er: „Jetzt folgst du mir auf dem Fuß und schaust nicht viel hin und her, noch sollst du mir mit offenem Mund zu den Giebeln der Häuser hinaufgaffen. Hüte dich, daß ich nicht durch dein langsames Gehen genötigt werde, wieder und wieder auf den Straßen mich zu säumen; sonst bekommst du in der Herberge die härteste Prügel.“

❡ So betrat ich zitternd die Stadt, wobei ich mich über meine Kräfte abmühen mußte. Mit meinen müden und wunden Füßen folgte ich dem Schüler durch mehrere, mit spitzen Steinen gepflasterte Straßen, während von allen Seiten aus den Häusern eine Menge von Schülern über mich herfiel. Weil ich diesen auf ihr Rufen: „Bist du ein Schüler?“ keine Antwort gab, hielten sie ihre Hände wie Eselsohren am Kopf gegen mich gerichtet und verfolgten mich so bis in die Nähe der Herberge. Als sie jedoch erfuhren, daß wir dableiben wollten, sahen sie von unserer weiteren Verfolgung ab und strichen ihr Gymnasium vor allen anderen Schulen des Landes mit den höchsten Lobsprüchen heraus.

Zwölftes Kapitel

Wie die Schüler von Nürnberg über Forchheim nach Bamberg kamen und wie prächtig diese Stadt war

Als aber der Schüler hier die vielen Miltenberger Bürger wahrnahm, machte er sich, damit ich ihm nicht etwa mit jenen nach Hause entkäme, mit mir in der Frühe des folgenden Tages fort nach Forchheim, einer durch ihr Weißbrot berühmten Stadt, die zwischen Nürnberg und Bamberg liegt und welche die Einwohner fälschlich für die Heimat des Pilatus ausgeben. Da jedoch bei der dortigen Schule keine Burse16 oder, wie es dazulande genannt wird, keine Kammer für uns frei war, wanderten wir weiter und kamen zu einer glänzenden Stadt, welche am Fluß Regnitz liegt und nicht mit Mauern befestigt ist.

❡ In der Hauptkirche ruht hier der heilige Kaiser Heinrich17 mit seiner Gemahlin Kunigunde. Wir kehrten in der allgemeinen Armenherberge ein und wurden nach altem guten Brauch freundlich mit frommen Zeremonien und Gebräuchen empfangen. Dort gedachten wir, ein wenig auszuruhen, bis wir die Stadt uns angesehen oder vielleicht eine Stelle in einer Schule zum Bleiben gefunden haben würden.

❡ Gar herrlich gefiel mir diese Stadt. Auf der Spitze des über ihr sich erhebenden Berges liegt ein Kloster unseres Ordens, das von allen Punkten der Stadt wie am Himmel gesehen werden kann. Und auf einer Anhöhe der Stadt befindet sich eine Burg, welche durch Natur und Kunst befestigt ist. Auch ist diese Stadt mit öffentlichen Gebäuden und sehr schönen Häusern geschmückt, und mitten hindurch fließt der vorerwähnte Regnitzfluß, wie Enea Silvio18 sagt, oder wie andere ihn nennen, die Rezat, über die hier eine Brücke führt. Dort sollen auch zwei von den sechs Krügen sein, in welchen von dem Erlöser das Wasser in Wein verwandelt worden ist, sowie das Schwert, mit dem Petrus dem Malchus das Ohr abgehauen hat. Das Lob dieser Stadt hat ein gewisser Geschichtsschreiber Gottfried19 kurz, aber trefflich in folgenden Versen zusammengefaßt:

Bayern ein Fluß wohl entströmet, der Regnitz gewöhnlich genannt wird,
Nürnbergs Fluren er tränket und schweift drauf hierher und dorthin,
Freudig herbei dann eilt er, zu wandeln durch Pfauenbergs Weichbild:
Diese liebliche Stadt pflegt Babenberg man zu heißen.
Reichlich erquicket der Strom und bewässert die blühenden Auen,
Auch sind die Ufer selbender mit prächtiger Brücke verbunden.
Weit von den Menschen gepriesen die Stadt zu der Höhe hinansteigt;
Hier dann ragen die Türme des Doms, so herrlich wie nirgend.
Doch die oberste Höhe dient Mönchen zur friedlichen Wohnung;
Diese, mit Mauern ringsum und weiten Gebäuden gegürtet,
Gänzlich den Laien verschlossen, die Veste der Herren dann bildet;
Ihre gar prächtige Kirche dem Haupte des Bergs eine Kron’ ist.
Pfauenberg hat auch zur Seite der Hügel noch mehre:
Drei davon, ähnlich gestaltet, der Stadt hauptsächlichste sind es.
Dem in der Mitte jedoch an Zier sich keiner vergleichet,
Ist auch der schönste aus ihnen, hat Raum für die Mönche in Fülle.
Sonst auch noch Tempel es gibt, drin Knöniche viele sich finden.
Drunten am Flusse zwei Märkte als Viertel der Stadt sich dahinziehn,
Also in Kreuzes Gestalt du Pfauenbergs Siedler gestellt siehst:
Mitten stehet Sankt Peter; zur Rechten sich Stephanus findet;
Jakob ist dorten zu Haupten, Sankt Michael aber zur Linken.
Und in dem Flusse sich spiegelt Mariens prächtige Kirche,
Heinrichs des Heiligen Werk, der zubenannt ist der Lahme,
Dessen Gebeine allhier der Mirakel schon viele gewirkt han,
Und auch den Ahnen bereits ein Hort hier waren und Zuflucht.
Mild einst baut’ er das Werk und schenkt ihm die goldene Zierat.
Doch die Historie ruft: Leb wohl, du glückliches Bamberg!

Dreizehntes Kapitel

Wie die Schüler wieder nach Nürnberg zurückkehrten und von der Pracht dieser Stadt

Gottfried und mehrere andere nennen Bamberg auch Pfauenberg. Hier wurde uns von dem Rektor des Gymnasiums wegen der großen Zahl der Schüler die Aufnahme verweigert, und wir zogen daher wieder nach Forchheim und von da nach Nürnberg zurück. Auf dieser Reise ging ich mir beide Füße wund und hinkte unter hefligem Schmerz in die Stadt hinein. Hier kehrten wir wieder in unserer früheren Herberge ein und hielten uns da solange auf, bis die Wirtin, eine sehr fromme Frau, meine Füße vollständig geheilt hatte. Danach durchstreiften wir neugierig die ganze Stadt, und ich konnte nicht genug ihre Pracht bestaunen. Denn diese Stadt ist, so sagt man, in ganz Deutschland und bei anderen Völkern vielgenannt und berühmt; sie ist auch ein Hauptstapelplatz Alemanniens. Große Reichtümer befinden sich dort im öffentlichen wie im Privatbesitz. Die Stadt führt ohne Unterlaß einen bedeutenden Handel mit Venedig, Prag, Frankfurt, Köln, Antwerpen und den übrigen großen Handelsplätzen. Auf einer Anhöhe in der Stadt liegt die königliche Burg, von der man eine unbegrenzte Aussicht hat über die ganze Stadt und ihre Umgebung. Die Stadt ist geschlossen und stark befestigt mit hohen und breiten Mauern, Basteien und tiefen Wallgräben, von denen sie ganz umgeben ist. Außerdem hat sie, wie Hartmann in der Chronik der Stadt schreibt und wie ich selbst gesehen habe, als Bollwerk eine sehr dicke Mauer mit dreihundertfünfundsechzig Türmen. Auch ist sie mit prächtigen und festen Bürgerhäusern geschmückt und genau in der Mitte von Deutschland gelegen.

❡ Da die Bürger sehr betriebsam sind und ihre Stadt eine kaiserliche ist, so haben sie einen Rat und einen obrigkeitlichen Stand, der nicht aus dem Volke hervorgegangen ist. Die Altbürger regieren das Gemeinwesen, während das Volk seinen Geschäften nachgeht und um öffentliche Angelegenheiten sich nicht im mindesten kümmert.

❡ Es gibt in der Stadt mehrere große und schmuckvolle Kirchen außer den beiden berühmten Pfarrkirchen, die dem heiligen Sebaldus und dem heiligen Laurentius geweiht sind. Daneben hat sie noch vier Kirchen von Bettelmönchen, prächtige Bauwerke, welche die Bürger zu verschiedenen Zeiten errichtet haben. Die Gott geweihten Jungfrauen haben zwei Klöster zur heiligen Katharina und zur heiligen Klara. Die Kreuzritter des Deutschen Ordens erfreuen sich ausgedehnter Besitzungen in der Stadt. Es gibt dort auch ein bedeutendes Kloster unseres heiligen Vaters Benedikt, zum heiligen Egidius genannt. Ein anderes Bauwerk, das Kartäuserkloster, ragt durch seine Großartigkeit und Schönheit hervor. Ferner steht auf dem Marktplatz eine prächtige Kapelle der seligsten Jungfrau Maria mit einem sehr schönen Brunnen.

❡ Diese bedeutende Stadt ist stolz darauf, als ihren königlichen Patron den heiligen Sebaldus zu verehren, der durch sein gottseliges Leben und seine Wunder berühmt ist. Sie bewahrt auch die kaiserlichen Insignien: Der Kaisermantel, die Schwerter, das Zepter, der Reichsapfel und die Krone Karls des Großen sind in den Nürnberger Schatzkammern niedergelegt.20 Diese verleihen jedesmal bei der Krönung eines neuen Königs: wegen ihrer Heiligkeit und ihres ehrwürdigen Alters der Feier einen besonderen Glanz. Dem Altertum nämlich mißt man verdientermaßen sehr viel Ansehen und Hoheit bei, während das Neue weniger geschätzt wird. Die Stadt kann sich auch des Besitzes der heiligen Lanze rühmen, welche die Seite Jesu Christi am Kreuze durchbohrt hat, sowie eines berühmten Partikels des heiligen Kreuzes und anderer Reliquien, die über den ganzen Erdkreis gefeiert und alljährlich am dreizehnten Tag nach dem frohen Osterfest von vielem Volk aus verschiedenen Provinzen mit größter Andacht besucht werden. Deshalb mögen zum Lobe der Stadt noch diese Verse beigefügt werden:

O holdselige Zier des norischen Landes, o Nürnberg,
Vielgefeierte Stadt, du königliche himmlische Wohnung,
Du an Männern so reich, o du aus allen die schönste,
Du der Tugenden Mutter, des Heiligen treuliche Pflegerin,
Wahrest Glauben und Recht und mit den Nachbarn den Frieden
Und die Gesetze der Ahnen, daran vor allem du festhältst.

Hartmann, der schönen Künste und der Arzneikunde Doktor, hat die Chronik dieser hochberühmten Stadt vom Anfang der Welt an verfaßt und sie mit schönen Bildern geziert. Weil sich aber einige Fehler in diese eingeschlichen hatten, so haben die Bürger vor längerer Zeit einen gewissen Poeten aus Italien berufen, der sie in sorgfältigerem Stil und inhaltlich wahrheitsgetreuer neu bearbeitet haben soll. Wie ich höre, ist sie in ihrer neuen Gestalt nunmehr sehr sorgfältig in Pergamentdruck und Kupferstich ausgeführt worden.21 Übrigens ist die Stadt Nürnberg, welche wohl auch nach ihrem angeblichen Gründer Neroberg genannt wird, von unserer Vaterstadt Miltenberg achtzehn und von Bamberg neun Meilen entfernt.

Vierzehntes Kapitel

Wie die Schüler fast in die Donau gefallen wären

Von Nürnberg brachen wir abermals auf und zogen weiter, um eine freie Burse zu suchen. Obwohl wir vielerorts in Bajuvarien, auch Bayern genannt, umherschweiften, konnten wir doch nirgends einen Ort finden, wo es dem Schüler beliebt hätte, das Studium der Wissenschaften aufzunehmen. Das war aber seinerseits nichts als die reinste Faulheit, denn solange das Geld reichte, zog er es vor, von Ort zu Ort zu ziehen und mich schrecklich zu mißhandeln. Er für seinen Teil war freilich daran gewöhnt und seit vielen Jahren schon in der Fremde umhergestreift, und nichts war ihm lieber auf der Welt, als so umherzulungern, solange er noch Geld, wenn auch nur wenig, im Beutel hatte.

❡ Ich möchte nicht verschweigen, was für ein Abenteuer uns auf der Wanderschaft in dieser Gegend zugestoßen ist. Eines Morgens kamen wir aus einer Stadt, in der wir übernachtet hatten, an die Donau, die dort ein sehr reißendes Wasser ist. Wir mußten über eine schmale Brücke ohne Geländer, welche seit der Nacht ganz und gar mit Glatteis überzogen war; es war nämlich Spätherbst, um Allerheiligen (1. November). Anfangs wollte ich gar nicht hinüber; endlich wurde ich gezwungen, vor dem Schüler darüberzugehen. Oh, welch Schrecken durchfuhr mich, der Kopf schwindelte mir, und voller Angst, in den tiefen Strom zu stürzen, schrie ich. Als ich an die Stelle kam, wo der Steg sich abwärts dem Ufer zu senkte, wurde meine Furcht auszugleiten noch größer. Um es kurz zu sagen, wirklich würde das, was ich fürchtete, geschehen sein, wenn ich nicht wie durch ein Wunder wäre behütet worden. Denn als ich fast das Ende des glatten Weges erreicht hatte, siehe, da glitt ich plötzlich aus und warf durch meinen Fall auch den nach mir kommenden Schüler, den ich weiter zurück geglaubt hatte, rücklings zu Boden. Beide lagen wir wie tot da. Keiner wagte ein Glied zu rühren, um nicht vollends in die Tiefe zu stürzen; denn der Steg war sehr schmal und nur aus einer einzigen Bohle gemacht.

Fünfzehntes Kapitel

Wie die Schüler gen Eger wanderten und sich dann nach Böhmen hineinbettelten

Endlich gelang es uns mit Gottes Hilfe, von dem Steg herabrutschend, halbtot das Ufer zu gewinnen, indem wir auf dem Rücken liegenblieben und mit Händen und Füßen arbeiteten. Wir sagten Gott Dank, und nachdem wir uns gewaschen hatten, setzten wir die Reise nach Eger fort. Dies ist eine bedeutende Stadt, welche von Nürnberg achtzehn Meilen entfernt sein soll. Auf der weiten Reise dorthin bekamen wir vorher noch manche andere Stadt zu sehen, als da sind Kulmbach, Regensburg, Hof, Joditz und verschiedene andere.

❡ In Eger angekommen, sahen wir unsere Hoffnung, dableiben zu können, vereitelt, und zwei Tage später machten wir uns in Richtung Radonitz auf den Weg nach Böhmen. Während wir so von Ort zu Ort umherzogen, aus einer Gegend in die andere, ging mir nicht so sehr die Mühsal der Reise als vielmehr das Brotbetteln, das mir in der Seele verhaßt war, über die Maßen zu Herzen. Der Schüler sagte nämlich, während der langen Zeit von mehr als zwei Monaten, die wir jetzt schon auf der Reise waren, sei das Geld zusammengeschmolzen, darum seien wir jetzt durch die Not getrieben, den Tag über in den Dörfern von Tür zu Tür zusammenzubetteln, was wir abends in den Städten, wo wir einkehrten, essen wollten.

Sechzehntes Kapitel

Wie Hans für den Schüler mitbetteln mußte und dabei von ihm noch Mißhandlungen erfuhr

Langten wir also bei einem Dorfe an, schickte er mich zum Betteln hinein und erwartete mich dann am anderen Ende. Kam ich dann zuweilen mit leeren Händen zurück, schlug er mich fürchterlich und rief: „So, so! Bei Gott, ich werde dich schon noch betteln und fechten lehren!“ Hatte ich aber einmal etwas Gutes bekommen, so verschlang er es allein, und ich bekam höchstens die Reste, die er übrigließ.

❡ So ging es die ganze Zeit, die ich fortan noch bei ihm blieb. Ja, mißtrauisch, wie er war, zwang er mich sogar öfter, den Mund mit warmem Wasser auszuspülen und es dann auszuspeien, um an dem Wasser zu sehen, ob ich vom Betteln etwas Fettes für mich allein gegessen hatte.22 Denn es kam öfter vor, daß gutherzige Frauen, gerührt von meiner Schüchternheit und zarten Jugend, mich von der Straße mit ins Haus nahmen. Wenn sie dann von meinem Elend und davon hörten, mit welchem Herzeleid ich von meinen Eltern geschieden sei, hatten sie Mitleid mit mir und gaben mir so reichliche Erquickung wie den eigenen Kindern. Damit war der Schüler bei seinem mißgünstigen Sinne gar nicht einverstanden, und sooft er davon etwas merkte, fiel er mit Faust- und Stockschlägen über mich her.

Siebzehntes Kapitel

Wie die Schüler in Kaaden in eine Burse aufgenommen wurden und was für Leid dem Hans dort widerfuhr

Er nötigte mich, Ortschaften bettelnd zu durchziehen, die so schmutzig und kotig waren, daß ich bis an die Knöchel, mitunter sogar bis an die Waden im Kot watete und gleich einem, der Teig tritt, weder vorwärts noch rückwärts konnte. Bisweilen wurde ich auch von den Hofhunden so schrecklich angefallen, daß ich glaube, wenn mir die Einwohner nicht zu Hilfe gekommen wären, so würden sie mich völlig in Stücke gerissen haben. Er selbst hatte Scheu vor dem Betteln und ließ sich nicht dazu herbei, damit er nicht als großer, fauler Schlingel, der nicht arbeiten wolle, von den Bauersleuten beim Betteln ausgelacht würde und sich nicht mit dem Kot beschmutzte, der, wie er wohl wußte, zur Regenzeit in den Ortschaften sehr tief war. Außerdem wollte er nicht von den Hunden belästigt werden und pflegte deshalb über Feld und Wiesen um die Dörfer herumzugehen, was er mir des Bettelns wegen nicht gestattete. Diese Gewohnheit fing er schon bald hinter Nürnberg an und hielt unerbittlich daran fest bis zur Stadt Kaaden in Böhmen sowie in der ganzen übrigen Zeit, in der ich mit ihm reiste.

❡ In Kaaden aber wurden wir von den Rektoren der Schule zum Bleiben eingeladen, und dort erhielten wir für uns beide auch eine Kammer in der Burse. Kurz darauf kamen noch zwei fahrende Schüler aus Wien mit ihren Schützen23 hinzu und bekamen bei uns ihre Wohnung angewiesen. Den Tag brachte ich in der Zelle zu, soweit uns die allgemeinen Lektionen, der Chor und das Betteln Zeit ließen. Die Nacht aber pflegten wir jungen Schützen wegen der Kälte in der Stube auf einem hölzernen Durchgang über dem Ofen zu bleiben. Einmal passierte es, daß ich im Schlaf von oben herunterfiel, und obwohl ich nicht bloß den Ofen beschädigt, sondern auch meinen Kopf schwer verletzt hatte, sollte ich eine öffentliche und sehr scharfe Rüge wegen des Schadens an dem Ofen verdient haben.

Achtzehntes Kapitel

Wie Hans nach Maschau kam

Oh, was hatte ich auch da den Winter hindurch von meinem Schüler auszustehen! Keinen Augenblick hatte ich Ruhe vor seinen ewigen Quälereien und Plagen. Da ich nicht imstande war, ihm genug mit Betteln zu beschaffen, so wollte er, daß ich heimlich stehlen sollte.

❡ Als inzwischen um die Fastenzeit der Schnee schmolz und die Fluren anfingen zu grünen,24 begaben wir uns zu einem Flecken, welcher von Kaaden nur zwei Meilen entfernt ist und Komotau heißt; dort lebten Ketzer?25 mit Katholiken zusammen, Wir blieben da aber nur kurze Zeit wegen der Pest, welche von Tag zu Tag mehr um sich griff und in den Häusern immer heftiger wütete. So wanderten wir denn weiter zu einem anderen Städtchen mit Namen Maschau, welches nicht über drei bis vier Meilen von da entfernt liegt, fanden dort aber von fremden Schülern niemanden außer einen aus Bayern mit seinem kleinen Schützen vor. Die Bewohner jenes Ortes aber waren Ketzer, die böhmisch redeten, mit nur sehr wenig Katholischen darunter. Sie hatten über sich als Herrn einen Grafen26, einen bösen, gottlosen und unbarmherzigen Ketzer, der sich auch auf die Schwarzkunst27 verstand. Die grausame Tyrannei dieses Mannes zeigte sich besonders deutlich bei folgendem Vorfall. Er hatte als Kammerdiener einen jungen, wohlgebildeten Menschen, den alle sehr gerne hatten, die ins Haus kamen. Dieser ließ sich von zwei bösen Mitbediensteten verleiten, eines Nachts eine Büchse und noch einige andere Gegenstände von geringem Wert zu entwenden und mit ihnen zu entfliehen, da er einem solchen Despoten weiterhin nicht mehr dienen wollte. Als der Wüterich solches am Morgen gewahr wurde, spürte er ihn, obwohl er schon weit weg war, mit Hilfe seiner Schwarzkunst in einer waldigen Gegend doch auf und ließ ihn am Rande eines Waldes ergreifen.

Neunzehntes Kapitel

Von des Grafen Grausamkeit

Der Unglückliche wurde also aufgegriffen, zurückgeschleppt, auf das unmenschlichste von ihm mißhandelt und in den Kerker geworfen, um ohne Verzug gehenkt zu werden. Vergebens bat alles Volk um Gnade für ihn; vergebens schrieben die Ältesten des Landes, die Herren und die Städte die inständigsten Briefe; ja selbst das Bitten seiner Geliebten, der einzigen Person, zu der er Liebe empfand, blieb fruchtlos. Da eilte seine Mutter aus der Hauptstadt, die sie in ihrer Sprache Praha nennen, herbei, um von dem Tyrannen, ihrem Sohne, die Befreiung des eingekerkerten Jünglings zu erflehen. Als er sie durchaus nicht anhören wollte, warf sie sich ihm zu Füßen, weil sie glaubte, damit könne sie sein Mitleid erwecken, und sie wollte nicht aufstehen, bis er ihr Flehen erhört hätte. Da wurde er ganz wütend, tuchlos und gottlos, wie er war, stieß er sie mit Fußtritten von sich und befahl, sie zu entfernen. Als sie hinausgebracht war, verließ sie, zum öffentlichen Skandal, mit ihrem Gefolge den Ort; der Jüngling aber wurde des folgenden Tages gehenkt. Eine zahllose Menge Menschen beiderlei Geschlechts, die ihm von Kind auf wegen seiner Unschuld und guten Sitten gewogen war, gab ihm das Geleit bis zum Galgen. Das Wehklagen war so groß, daß es jedes Herz, wäre es selbst härter als Diamant, zum Erbarmen hätte bewegen müssen, nur nicht das Herz jenes Tyrannen.

❡ Mochte dieser nun auch hochadlig sein dem Geblüt nach, so war er doch in seiner Seele roher als der ärgste Bauer, wie es heutzutage überhaupt mehrere solcher Adligen gibt, die, je mehr sie um irgendeine Sache gebeten werden, desto härter sich zeigen im Verweigern.

Zwanzigstes Kapitel

Von der Treue eines Bären

Des Tyrannen Grausamkeit zeigte sich auch bei einem anderen Anlaß. So ertappte er einst den Koch darüber, daß er heimlich aus dem Haus etwas entwendete. Sofort ließ er ihn mit Ruten peitschen und in den Kerker werfen in der Absicht, auch ihn in ähnlicher Weise hinrichten zu lassen. Um seine Freilassung bemühten sich nicht nur die Menschen, sondern auch ein Bär, den der Koch auf Anordnung seines Herrn von jung auf herangezogen hatte. So ließ er sich endlich mehr durch des wilden Tieres als der Menschen ungestümes Drängen zur Begnadigung erweichen, allerdings unter der Bedingung, daß er ohne menschlichen Beistand, allein durch des Bären Klugheit und Mitwirkung aus dem tiefen Burgverlies, in das er geworfen war, herausgezogen würde. Dies aber schien ihm unmöglich.

❡ Das Tier begriff sogleich, als hätte es Vernunft. Es eilte zum Turm, und voller Freude gebärdete es sich durch Heben der Tatzen und durch Brummen so, als müsse der Koch sogleich herauskommen und ihm das gewohnte Futter reichen. Es war eine wunderbare Sache und ein seltsames Schauspiel, dessen Anblick sogar dem Tyrannen ein nicht geringes Ergötzen gewährte. Das Tier packte das über dem Loch des Kerkers hängende Seil, mit dem die Gefangenen heraufgezogen zu werden pflegten, und wie ein in solcher Verrichtung erfahrener Mensch ließ es das Seil Stück um Stück unter Brummen zu ihm hinab und gab ihm durch Schütteln des Seiles zu verstehen, er solle sich auf das Holz setzen, das quer daran befestigt war. Als der Koch sich dann gesetzt hatte, zog ihn das Tier zum freudigen Staunen aller Anwesenden herauf, liebkoste ihn und geleitete ihn tanzend in seine Küche.

❡ Dieser Vorfall hatte zwar dem Tyrannen einiges Vergnügen bereitet; jedoch hielt dieses Wohlgefallen nicht so lange an, daß er völlig vergeben hätte. Denn eines Tages gedachte er erbitterten Sinnes der Untreue des Koches, um deretwillen er hatte getötet werden sollen, und seiner Befreiung. Und damit nicht ganz und gar sein Wille unerfüllt bliebe, wenn er einmal beschlossen hatte, einen dem Tode zu überliefern, gab er den Befehl, das Tier in den Wald zu führen und es dann nach einiger Zeit mit den Hunden zu verfolgen. Die Hunde aber, denen das Tier bekannt war, spielten mehr mit ihm, als daß sie es hetzten und jagten. Endlich wurden die Jäger gezwungen, das Tier, welches an einen Baum sich setzte und wie um Gnade flehend die Tatzen hob, dennoch zu töten.

Einundzwanzigstes Kapitel

Wie Hans einen von Geistern gehüteten Schatz heben sollte

Auf solche und mehrfache andere Weise übte der Graf zu jener Zeit seine Tyrannei, so daß alle Furcht und Schrecken vor ihm hatten. Er hatte auch noch einen Verwandten von ähnlichem Charakter, der seine Untertanen tagtäglich mit hohen Steuern und harten Beschwernissen bedrückte. Diesem haben endlich nach einem gerechten Gottesgericht die bösen Geister zu nächtlicher Stunde sein Schloß zertrümmert und die Mauern zerstört. Darüber findest Du auch etwas in meiner kleinen Schrift über merkwürdige Zeitbegebenheiten.28

❡ In der Nähe dieses Fleckens befand sich ein Berg, auf dem, wie man sich erzählte, Schätze vergraben sein sollten. Als mein Schüler solches hörte, besorgte er mir alsbald Klauen29, mit deren Hilfe ich sie zu sehen vermöchte, wenn ich noch jungfräulich sei; ansonsten würde ich von den Geistern erwürgt werden. Obwohl ich mir keines Fehltrittes bewußt war, fürchtete ich gleichwohl Gefahr und wollte nichts damit zu schaffen haben. Da fiel er aufs grausamste mit Drohungen und Schlägen über mich her, konnte aber, weil auch andere mir abrieten, mich nicht für das mißliche Unternehmen gewinnen. Weil er also mich zu diesen und ähnlichen gottlosen Plänen nicht willig fand, fing er an, mich zu hassen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wie ein böser Kamerad Hans einen schlimmen Streich spielte

Oft schickte er mich auch mit einem anderen Schützen, den sein Kamerad mitgebracht hatte, in die Ortschaften, um Hühner und anderes Geflügel zu stehlen. Daß ich in solchen Geschäften fleißig und gelehrig würde, dafür sorgte er, nicht aber, daß ich in Wissenschaft und Bildung Fortschritte machte. Ja, ich weiß nicht, ob ich jemals ein lateinisches Wort von ihm gelernt habe. Denn er selbst war unwissend und floh die guten Schulen, wo er zum Studium wäre angehalten worden; vielmehr suchte er nur unbekannte Schulen auf, weil er da von den Knaben wegen seiner körperlichen Größe für gelehrt gehalten wurde. Eine solche hatte er nach langem Umherwandern in vieler Herrn Länder endlich an diesem Orte gefunden, wie sie seiner Faulheit entsprach.

❡ Während ich dort mich aufhielt, mußte ich, da ich der Sprache jenes fremden Volkes unkundig war, mehr Aufmerksamkeit auf diese als auf das Lateinische verwenden. Einst bat ich einen meiner Mitschüler, der aus jenem Orte gebürtig war, mich zu lehren, wie man die Frauen grüßt, weil ich diese beim Betteln häufiger als die Männer zu Hause antraf. Da lehrte er mich aus Bosheit böse Schimpfwörter sagen.

❡ Ohne nun um den Betrug zu wissen, brachte ich jene Worte bei einer Jungfrau, seiner eigenen Schwester, als Gruß vor. Da geriet diese in heftigen Zorn gegen mich, sprang vom Stuhl auf, ergriff den Spinnrocken und stürzte auf mich los. Als sie mir nahe kam, wurde ich von übergroßem Schrecken ergriffen, sprang von der Türschwelle, wo ich noch stand, rücklings hinab und trat etliche junge Gänse tot. Darüber geriet sie noch mehr in Erregung, fast bis zum Wahnsinn, und lief mir mit lautem Geschrei nach, während ich in noch größerer Angst die Flucht ergriff. Ein so großer Schrecken befiel mich damals, daß ich nicht wußte, wo ich war. Ich begriff auch gar nicht, wodurch ich mir eine solche Verfolgung von seiten der Jungfrau zugezogen hatte; denn ich glaubte nicht anders als heilige und ehrbare Begrüßungsworte bei ihr vorgebracht zu haben. Nachdem ich ihr entronnen war, ließ ich sie meine Unschuld wissen, und sie wandte, als sie ihres Bruders Nichtswürdigkeit vernommen hatte, jetzt ihre Rache gegen diesen.

❡ So wurde ich damals klug gemacht und wollte nun die Sprache nicht mehr von leichtfertigen Personen lernen, da ich für meine Haut fürchtete.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Von der Religionsübung der Ketzer und den warmen Bädern bei Elbogen

Den Gottesdienst der Ketzer habe ich hier und anderswo wenig beachtet, weil ich bei meinen zwölf Jahren mehr Sorge um den Mehlbrei hatte, mit dem ich mich täglich sättigte, als daß ich meinen Sinn mit dem Glauben oder der Ketzerei dieser Leute beschäftigte. Eines aber ist mir noch in Erinnerung, daß jene Stadt nur einen einzigen Priester hatte, der ihnen selten anders als sonntags die Messe las und predigte. Einmal im Jahr, und wenn es sonst not tat, spendete er das Sakrament. Er wohnte nahe der Kirche und führte ein ziemlich armes und strenges Leben. Von der Bevölkerung, die ihn Pastor nannte, wurde ihm wie auch einer alten Witwe, die er zur Magd hatte, nicht mehr zugestanden, als für Nahrung und Kleidung nötig war. Als die Pest ausbrach, flohen wir von hier und wandten uns wieder nach Deutschland mit dem Wunsche, in der Stadt Eger zu überwintern, wenn ein Platz in der dortigen Schule frei wäre. Auf der Reise dorthin stießen wir in der Herrschaft der Grafen von Schlick, fünf Meilen von Eger und eine Meile von dem gräflichen Flecken Elbogen30 entfernt, auf die wunderbaren und berühmten warmen Quellen31; dort verbrachten wir zwei oder drei Wochen, um zu baden. Danach setzten wir unsere Reise fort und wurden in die Schule zu Eger aufgenommen, und dazu bekamen wir beide eine Unterkunft bei reichen Familien, um den Knaben des Hauses beim Studium zu helfen.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Wie Hans von dem Schüler weitere Mißhandlungen zu erdulden hatte

Der Schüler freute sich zwar über sein unverhofftes Glück; das meinige aber, welches etwas günstiger schien, erregte in ihm Neid und großen Verdruß. Er sagte nämlich: „Es geht nicht an, daß du als Schütze in der Fremde so rasch emporkommst und bessere Tage siehst als ich.“

❡ Weil er nun wegen seiner neuen Stellung meines Dienstes nicht mehr bedurfte, so überließ er mich zwei großen Schülern, für die ich während des ganzen Winters betteln sollte. Darüber beklagte ich mich bei dem mir anvertrauten Knaben, und dieser sagte es seinen Eltern. Daraufhin wiesen diese mich an, ich sollte täglich gleich nach der Schule mit dem Knaben nach Hause kommen und jene laufen lassen. Als ich nun einige Male so das Gebot des Schülers mißachtet hatte, ergriff er mich eines Tages, als wir aus der Schule nach Hause gehen wollten, schleppte mich mit seinen Genossen auf deren Zelle, riß mir alle Kleider vom Leibe und schlug mich lange Zeit am ganzen nackten Körper mit Ruten. Gefesselt ließ er mich trotz großer Kälte in der verschlossenen Kammer bis zum nächsten Tage liegen. Am anderen Morgen fragte er mich, ob ich mich wohl jetzt den Schülern dienstbar erweisen wollte, worauf ich gerne ja sagte. Da band er mich los, übergab mich unter harten Drohungen und Flüchen den beiden und ging dann wieder in seine Unterkunft.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Wie Hans vor den grausamen Schülern fliehen mußte und in einem Gasthaus zu Karlsbad Dienste nahm

So mußte mein Zögling des Morgens allein zur Schule gehen. Als er nun von mir erfahren hatte, was mir widerfahren war, teilte er es sogleich seinen Eltern mit; diesen mußte ich nach meiner Heimkehr am Abend alles ausführlich erzählen. Sie empfanden großes Mitleid mit mir und wiesen mich an, zu Hause zu bleiben. Sie wollten sehen, was nun geschehen würde. Der Schüler, der sowohl durch die Klagen seiner Mitschüler, denen er mich gleichsam verkauft hatte, als auch aus meiner Abwesenheit zu seinem großen Verdruß die Sachlage erkannte, kam am nächsten Morgen unter Begleitung einer nicht geringen Zahl von Schützen und Schülern vor unser Haus gezogen. Als sie aber in das Haus hinein und die Stiege hinauf nach dem oberen Estrich stürmten, wo wir uns aufhielten, trat ihnen der Vater mit Waffen entgegen, schlug auf sie ein und jagte sie aus Haus und Hof hinaus und rief ihnen drohend zu, sie sollten sich so etwas nicht noch einmal unterstehen.

❡ Aber ich Ärmster! Ich wußte nicht, was ich nach diesem Vorfall anfangen sollte; ich würde fortan es nicht mehr gewagt haben, weder in die Schule noch wegen eines Auftrages vor die Tür zu gehen. Meine Mitschüler hatten mir nämlich mitgeteilt, sie würden mich in Stücke reißen, wenn sie meiner irgendwo habhaft würden. Aus Furcht vor ihnen sagte ich sowohl ihnen als auch der Schule ab, floh heimlich aus der Stadt und eilte wieder nach Karlsbad.

❡ Hier bediente ich bis zum Frühjahr in einer Herberge die Badegäste. Dann wurde ich von einem adligen Böhmen geraubt. So war ich schließlich wegen der Grausamkeit des Schülers gezwungen, die Schule und das Studium der Wissenschaften aufzugeben, da ich sein gottloses Benehmen gegen mich nicht länger ertragen konnte; und ich war ihm doch von meinen Eltern so eindringlich empfohlen worden. Keiner von uns hat den andern seitdem je wieder zu Gesicht bekommen, noch jemals erfahren, was aus ihm geworden ist. Ich traf aber in dem Bade zwei Schützen wieder, die früher mit mir in der Kaadener Burse dieselbe Kammer bewohnt hatten. Diese erzählten mir, ihre Schüler seien wegen eines Diebstahls mit dem Strang hingerichtet worden. Da kam mir der Gedanke, es könne auch dem meinigen einmal etwas Ähnliches widerfahren. Wenn es später so käme, was ich nicht wünschen möchte, so wäre er wenigstens nicht aus der Art geschlagen, da sein Vater bei uns wegen Diebstahls an den Galgen gekommen ist. Ich habe indessen gehört, daß er nach meinem Weggange einmal in die Nähe unserer Vaterstadt gekommen ist, doch hat er diese aus Scheu, da sein Vater gehenkt worden war und weil er mich verloren hatte, nicht betreten. Seine Freunde, die er heimlich hatte rufen lassen, gingen zu ihm hinaus, und mit ihnen auch die unsrigen, die davon gehört hatten. Als er ihnen aber auf ihr dringendes Befragen, wo er mich gelassen hätte, nichts Wahrheitsgemäßes antworten konnte und sich in immer größere Widersprüche verwickelte, da machte er, daß er möglichst bald von ihnen fortkam. Er hat sich auch seitdem bis auf den heutigen Tag nirgendwo mehr in unserer Heimat gezeigt.

❡ Siehe, Philipp, da hast Du nun vor Dir all das Elend, das ich von meinem siebenten bis zu meinem zwölften Lebensjahr unter der Rute der Schulmeister ausgestanden habe und was mir jener Esel von Schüler nach so sorgfältiger Empfehlung meiner Eltern in der Fremde für Treue bewiesen hat. Der allmächtige Gott möge ihm vergeben, was er an mir Böses getan hat! Amen.


  1. Mit der Einnahme unserer Hauptstadt ist die Eroberung von Mainz am 28.10. 1462 durch Adolf von Nassau gemeint, der sich so in der Mainzer Stiftsfehde (1459-1462) gegen seinen Rivalen Diether von Isenburg als Erzbischof und Kurfürst von Mainz behauptete. Die Stadt Mainz, auf der Seite Diethers von Isenburg kämpfend, verlor für Jahrhunderte ihre politische Selbständigkeit und kam unter die Verwaltung des Kurfürsten. 

  2. Im Mittelpunkt der Wallfahrt von Niklashausen im Taubertal stand der Hirte Hans Böheim, „Pfeifferhänslein“ genannt, der im Frühjahr 1476 von einer großen Veränderung aller Dinge predigte, die ihm die Mutter Gottes angezeigt habe. Viele tausend Pilger hörten seine Forderung, Zehnte, Zinsen, Tribute und Zölle abzuschaffen sowie die freie Nutzung von Wald und Gewässern durch die Dorfgemeinde wiederherzustellen. Der Bischof von Würzburg ließ Hans Böheim als Ketzer verbrennen. 

  3. Salomo, König von Israel-Juda (965-925 v. Chr.), Sohn Davids. 

  4. Publius Vergilius Maro (70-19 v. Chr.), Dichter des römischen Nationalepos Äneis. Mittelalter und Renaissance sahen in ihm den größten Dichter überhaupt. 

  5. Publius Ovidius Naso (43 v. Chr.-17 n. Chr.), römischer Dichter, der von Kaiser Augustus verbannt wurde; schrieb Liebeselegien, einen Zyklus von Verwandlungssagen („Metamorphosen“), die „Liebeskunst“ u. a. 

  6. Seneca Lucius Anneus (4 v. Chr.-65 n. Chr.), römischer stoischer Philosoph und Politiker, Lehrer Kaiser Neros, schrieb moralphilosophische Dialoge und Briefe sowie naturwissenschaftliche Untersuchungen, die im Mittelalter als Lehrbuch der Physik galten. 

  7. Quintus Horatius Flaccus (65-8 v. Chr.), römischer Lyriker und Satiriker: Epist. 1, 2, 69. 

  8. Altes Testament, Genesis 8, 21. 

  9. Altes Testament, Liber proverbiorum 22, 6 (Salomo). 

  10. Bis heute hat sich in der Gegend von Bingen der Brauch erhalten, daß am Gregoriustag (12. März) die Kinder mit Bretzeln, an die bunte Bänder gebunden sind, zur Schule kommen (Anm. d. Übers.). 

  11. Horaz, Sat. 1, 1, 25-26. 

  12. In einem anderen Werk, Makrostroma II, gibt Butzbach eine ausführliche Beschreibung seiner Vaterstadt Miltenberg:
    Die Stadt ist uralt und war schon von den Heiden bewohnt; alte Mauerteste erinnern noch an ihren angeblichen Gründer, einen trojanischen König. Auf der Rückseite, durch die nahe an den Main herantretenden Berge eingeengt, dehnt sich Miltenberg eine halbe Meile weit an der Landstraße hin.
    Die Stadt ist bewehrt durch mächtige Wälle und Gräben, Mauern und Basteien sowie am Ein- und Ausgang und auf der Höhe durch drei gewaltige Türme. Mitten aus der Stadt ragt die Burg empor mit hoher Mauer, Wallgraben und Zugbrücke. Der Erzbischof von Mainz nimmt bisweilen der Erholung wegen hier seinen Aufenthalt. Die Burg hat auch eine schmuckvolle Kapelle, große Wohnräume und Marställe. Hoch oben auf der Warte hält stets der Türmer Wache und stößt ins Horn, wenn es nötig ist. Sehr hübsch nehmen sich die entweder aus Hausteinen erbauten oder weiß angestrichenen Häuser mit ihren schiefer- oder ziegelgedeckten Dächern aus. Vorzüglich sind die in die Erde oder seitwärts in den Felsen gehauenen Keller, in denen sich alle Vorräte im Sommer kühl, im Winter warm halten.
    Es gibt dort eine große und prächtige, auf schlanken Säulen ruhende Stiftskirche, die dem heiligen Jakobus geweiht ist. Ein Kollegium adeliger Prälaten und ebenso vieler Vikare tut in ihr Dienst. Die Pfarrkirche zur heiligen Maria liegt merkwürdigerweise außerhalb der Stadt in einem nahen Dorf. Außer diesen Hauptkirchen gibt es in und außerhalb der Stadt noch eine Anzahl kleinerer Nebenkirchen und Kapellen, zum heiligen Martin, zur heiligen Walburga, zum heiligen Veit, zum heiligen Gotthard und eine, die „Zum Engelberg“ heißt.
    Außerdem existiert dort noch mit reichen Einkünften das berühmte Spital zum heiligen Petrus. Einer alten Stiftung gemäß sollen arme Reisende vom Spitalmeister freundlich aufgenommen, es sollen ihnen die Füße gewaschen und eine reichliche Erquickung gereicht werden.
    Ferner gibt es in der Stadt eine sehr schöne Gnadenkapelle Unserer lieben Frau, die von altersher durch viele Wunder bekannt ist; in ihr fehlt es nie an frommen Betern, an den Muttergottesfesten sowie an allen Samstagen wird feierlicher Gottesdienst in ihr gehalten. Diese Kapelle ist so berühmt, daß die fremden Pilger, die Woche für Woche aus Ungarn, Böhmen und andern fernen Gegenden kommen und nach Aachen wallfahren, niemals versäumen, hier ihre Andacht zu verrichten. Die Bürger von Miltenberg sind der Mutter des Herrn in so großer Verehrung und Liebe zugetan, daß sie ihretwegen zur Zeit der großen Heiligtumsfahrt auf dem Markt eine öffentliche Küche und große Zelte für die Pilger errichten und sie mit Speise und Trank freundlich bewirten, eine Gastfreundschaft, wie ich sie sonst nie und nirgends gesehen oder gehört habe.
    Die Feldflur von Miltenberg ist sehr fruchtbar und bringt alle Arten von Gemüse und Getreide hervor, besonders aber Weizen und Spelz. An den Bergen wächst ein Wein, der zwar leicht ist und das Gehirn des Trinkenden nicht allzu sehr in Verwirrung setzt, aber doch sehr das Herz erfreut. Die Stadt ist von zwei großen Waldungen umgeben; auf der einen Seite vom Odenwald, der sich bis Heidelberg hinzieht, auf der andern vom Spessart, der ungefähr von dem sechs Meilen entfernten Würzburg bis Frankfurt sich ausdehnt und den Schweinen im Winter reichliches Eichelfutter bietet.
    Die Bürger beschäftigen sich, von einigen tüchtigen Künstlern und klugen Kaufleuten abgesehen, vornehmlich mit der Schiffahrt, der Fischerei, dem Frachtfuhrwerk, dem Ackerbau, noch mehr aber mit der Tuchweberei. Wegen des lebhaften Verkehrs und der vielen Fremden, die zur Frankfurter Messe, nach Aachen oder anderen Städten Niederdeutschlands reisen, gibt es dort viele Bäcker, Metzger und Wirte.
    Miltenberg ist der bedeutendste Hafenplatz am Main, der ab hier erst für größere Fahrzeuge schiffbar wird. Die von Frankfurt kommenden Waren werden hier von den Schiffen auf Wagen und die abwärts gehenden von der Achse auf Schiffe verladen. Darum haben die Miltenberger Schiffer und Fuhrleute den ganzen Verkehr zwischen Nürnberg, Bamberg und Frankfurt in Händen.
    Meine Vaterstadt hat auch viele gelehrte und fromme Männer hervorgebracht. Aus jüngster Zeit sind zu nennen: Wolfgang und Johann Kitzinger, Geheimschreiber der Erzbischöfe von Mainz und Köln. Ob der Name Miltenberg von der Fruchtbarkeit seiner Gefilde, von den schönen Steinbrüchen oder dem freundlichen, milden und wohltätigen Sinn seiner Bewohner sich herleitet, ist ungewiß.  

  13. Bakkalaureus, seit dem 13. Jahrhundert niedrigster akademischer Grad, der zum Abschluß der „Septem artes liberales“, der „Sieben freien Künste“, erworben wurde. 

  14. Beanus, Bacchant, neuangekommener Student oder älterer fahrender Schüler, der von einer Lateinschule zur andern wanderte. 

  15. Langenzenn, Kleinstadt im ehemaligen Fürstentum Ansbach. 

  16. Burse, an deutschen Universitäten Gemeinschaftsunterkunft der Studenten unter Aufsicht eines Magisters, dem für Wohnung und Unterhalt eine Gebühr zu entrichten war. 

  17. Heinrich II., der Heilige (973-1024), deutscher König seit 1002, Förderer der Kirchenreform, gründete das Bistum Bamberg und das Kloster Michelsberg. 

  18. Aenea Silvio Piccolomini (1405-1464), Humanist, Diplomat, Dichter und Geschichtsschreiber, 1458 als Pius II. zum Papst gewählt. Seine wichtigsten Geschichtswerke: Beschreibung des Konzils zu Konstanz, Geschichte Kaiser Friedrichs IH., Geschichte Böhmens. 

  19. Gottfried von Viterbo (um 1125-1192). In seinem Geschichtswerk „Gesta Friderici“ beschreibt er die Taten Kaiser Friedrichs I., dessen Kaplan er fast 40 Jahre war. 

  20. Die Reichskleinodien und Reichsheiligtümer wurden seit 1424 in der Heilig-Geist-Kirche zu Nürnberg aufbewahrt. 

  21. Hier irrt Butzbach: Laut Vertrag vom 23.11.1493 wurde Konrad Celtis von Sebald Schreyer, einem der Verleger der Schedelschen „Weltchronik“, mit der Neufassung des Textes für den Druck beauftragt, jedoch kam das Vorhaben nicht zur Ausführung. Von der „Weltchronik“ des Hartmann Schedel (1440-1514) sind 1493 eine lateinische und 1494 eine deutsche Ausgabe bei Anton Koberger in Nürnberg erschienen. 

  22. Der gleiche Brauch war auch noch im 16. Jahrhundert bei fahrenden Schülern üblich, wie aus der Autobiographie Thomas Platters zu erfahren ist. 

  23. Schütze, ein jüngerer Schüler, der einem älteren fahrenden Schüler auf die Wanderschaft mitgegeben wurde; daher der Begriff ABC-Schütze. 

  24. Horaz, Od. 4, 7, 1. 

  25. Mit Ketzer bezeichnet Butzbach die Hussiten, die Anhänger des Reformators Jan Hus; für ihn sind sie mit den Tschechen identisch. 

  26. Graf Johann von Kolovrat-Mástovsky, Herr zu Maschau (1473-1532), verheiratet mit Helene von Lobkowitz. 

  27. Schwarzkunst, Magie: Aus mangelnder Kenntnis der Naturgesetze schrieb man manchen Menschen, z. B. Dr. Faustus (um 1485 bis um 1540), einem Zeitgenossen Butzbachs, übernatürliche Kräfte zu. 

  28. De memorabilibus gestis synchronicorum (Über merkwürdige Zeitbegebenheiten) ; dieses Werk gilt als verloren. 

  29. Nach abergläubischer Auffassung konnten Hunde mit klauenartigen Auswüchsen an den Füßen Geister sehen. Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 4. Berlin 1931/32 Sp. 1146. 

  30. Elbogen wurde 1434 von Kaiser Sigismund an den Kanzler Kaspar Schlick verpfändet. 1476 warf Matthäus Schlick eine Erhebung der Bürger von Elbogen nieder. 

  31. Karlsbad.