Erstes Kapitel

Wie Johann in das Elternhaus zurückkehrte

Den Verlauf meiner Wanderschaft durch das Oberland habe ich Dir, lieber Philipp, nun übersichtlich geschildert. Um Dir beim Lesen keinen Verdruß zu machen, habe ich vieles übergehen müssen, und so ist meine Erzählung: bis zum Schluß des zweiten Buches gelangt. Es wird nun notwendig sein, Dir in diesem dritten Buch von meiner Wanderschaft durch Niederdeutschland zu berichten und zu schildern, wie ich durch verschiedene Schicksale und Zufälle endlich zu meinem gegenwärtigen Aufenthaltsort gelangt bin.

❡ Nach meiner Rückkehr in die Vaterstadt hielt ich mich zunächst im Hause des Fuhrmanns verborgen, und außer seiner Hausfrau wußte niemand von mir. Zu ebendieser Zeit gedachte meine Mutter meiner aber besonders lebhaft. Mit den Kindern sprach sie von mir so traurig, als wäre ich gestorben. Während sie unter Tränen von mir redete, als wäre ich nicht mehr am Leben, kam die Frau des Fuhrmanns, die ohne mein Wissen ausgegangen war, dazu und da fragte mit fröhlicher Miene, weshalb sie so in Tränen aufgelöst sei. Als sie aber die Ursache ihrer Trauer erfuhr, klatschte sie in die Hände und sprach: „Was wollt Ihr mir geben, wenn ich Euch noch in dieser Stunde Euren Sohn zeige?“

❡ Als lebe sie von den Toten auf, erwiderte die Mutter: „Wenn Ihr das, was Ihr da sagt, fertigbrächtet, will ich Euch gern ein gutes Geschenk geben.“

❡ Und jene sprach: „Gut, kommt nur gleich mit! Und Ihr werdet ihn in meinem Hause finden; er wartet schon auf Eure Ankunft.“

❡ Die Mutter kam also mit, weinend vor übergroßer Freude; herbei eilten auch die Brüder mit den Schwestern und waren noch vor ihr bei mir; sie selbst ging langsam hinterher, denn sie war guter Hoffnung und erwartete stündlich ihre Niederkunft. Wie groß nun beiderseits die Freude des Wiedersehens, wie groß unser Herzensjubel war, das kannst Du Dir besser vorstellen, als ich es beschreiben. Doch wie so oft folgte auch hier der Freude die Trauer auf dem Fuße nach. Die Mutter führte mich nach Hause und brachte mir unterwegs bei, daß der Vater tot sei und ich bereits seit etwa fünf Jahren einen Stiefvater habe, Deinen Vater, lieber Philipp, nämlich. Da brach ich untröstlich in Tränen aus, und alle weinten mit. Die vorherige Freude war nicht so groß wie meine Trauer über den Tod des Vaters. So ist nun der Lauf der Dinge:

Nach der stechenden Sonne steigt auf die stürmische Wolke,
Aus der Wolke der Blitz lohet vom Himmel herab;
Auf das Zucken des Blitzes folgt dröhnend der krachende Donner,
Kaum ist der Donner verhallt, rauscht schon der Regen herab;
Sonne, sie scheint nun auf Regen, ihr Antlitz erheitert den Himmel,
Freundlicher Himmel, sogleich bringt uns den lieblichen Tag:
Also nach Tränen gar oft die lachende Freude erscheinet,
Trauer nach Freude sodann, wie Corvello1 schreibt.

Zweites Kapitel

Wie Johann sich entschloß, Schneider zu werden

Schließlich mußten wir der Trauer um den Tod des Vaters ein Ende machen. Man geleitete mich nach Hause, und alle Leute standen vor den Haustüren an der Straße und wünschten mir Glück zu meiner Heimkehr. Auch Du kamst, noch ein kleines Kind, mit Deinem Vater mir entgegen. Dieser nahm mich väterlich auf, führte mich ins Haus und tröstete mich wie ein richtiger Vater. Als er nun hörte, daß ich so lange Zeit nicht gebeichtet und kommuniziert und unter Ketzern gelebt hatte, ermahnte er mich besorgt, daß ich mich auf die Beichte und die heilige Kommunion vorbereite.

❡ Am nächsten Sonntag ging ich mit der Mutter, die auch kommunizieren wollte, zur Kirche. Als mir dort jemand das Weihwasser reichte, dessen ich mich seit mehreren Jahren nicht mehr bedient hatte, machte mir das, da mir ungewohnt, eine rechte Freude. Bei dieser Gelegenheit kam ich jedoch nicht dazu, zum Tisch des Herrn zu gehen. Am folgenden Tag aber empfing ich die heilige Kommunion und wurde mit dem Himmelsbrot gestärkt. Indes glaubten alle, die in der Kirche waren, ich hätte die Pest, und sprachen zueinander: „Diesem Bürschlein wäre es halt auch besser gewesen, wenn es noch länger woanders geblieben wäre, als daß es die Heimat wiedersieht und sich der Todesgefahr aussetzt, nachdem eben erst die Pest aufgehört hat.“

❡ In dem Jahr hatte nämlich die Pest gewütet, und unter vielen anderen hatte sie mir auch einen Bruder und eine Schwester hinweggerafft. Darum war auch Dein Vater besorgt, ich könnte, wenn ich lange dabliebe, am Ende aus Furcht noch die Pest bekommen.

❡ Nachdem er mir mein langes Haar, auf dessen Pflege ich in Böhmen große Sorgfalt verwandt hatte, nach der bei uns herrschenden Sitte kurz geschnitten und mich auch mit anderen Kleidern ausstaffiert hatte, reiste er mit mir nach Aschaffenburg und gab mich hier einem Schneider in die Lehre. Da mir die Wahl überlassen worden war, hatte ich vorgezogen, das Schneiderhandwerk zu erlernen, weil es leichter ist als andere. Ich kam zu einem tüchtigen Meister, der sehr bekannt war. Der sollte sich Mühe geben, mir binnen zwei Jahren seine Kunst beizubringen, und der Vater versprach dafür, innerhalb jener Frist ihm sechs Goldgulden und zwanzig Ellen Tuch zu geben, wovon er einen Teil schon gleich mitgebracht hatte.2

Drittes Kapitel

Was Johann als Schneiderlehrling auszustehen hatte

In diesem Kapitel wäre davon zu erzählen, was ich bei dem Meister während der zwei Jahre meiner Lehrzeit ausgestanden habe, von den Schwierigkeiten des Handwerks einmal abgesehen. So müßte berichtet werden von den unmenschlichen Nachtwachen, wodurch ein junger Mensch körperlich völlig heruntergebracht wird; auch davon, wie ich von drei oder vier Uhr morgens bis abends neun oder zehn, bisweilen auch bis elf oder zwölf Uhr, aber besonders an den höheren Festen meist bis zur Hochmesse in einem fort arbeiten mußte, wie ich geplagt wurde mit Wassertragen, mit Hausauskehren, Heizen, mit Besorgungen in der Stadt und außerhalb, mit Schuldeneintreiben an Festtagen und, was mir am meisten verhaßt war, mit dem Sammeln, oder besser gesagt, dem Stehlen des Wachses von den Leuchtern in den Kirchen zur weiteren Verwendung im Geschäft. Ferner wäre davon zu klagen, wie ich von dem Meister und der Meisterin sowie von den Dienstboten herbe Worte und mitunter auch Schläge, Kälte und Hitze, Hunger und Durst bis zum äußersten zu ertragen hatte. Was ich auf solche und mehrfach andere Art für ein Elend ausgehalten habe, das würde kaum in einem großen Buch zu beschreiben sein. Ja, ich mußte so schwarzen Hunger leiden, daß ich hätte glauben können, nicht etwa vor langer Zeit, sondern jetzt erst mich unter den Böhmen im Elend zu befinden, wenn mich nicht der Klang der Muttersprache und die Nähe meiner nur vier Meilen entfernten Vaterstadt vom Gegenteil überzeugt hätten.

❡ Hinzu kam noch, daß mir auch die Künstelei des Handwerks mißfiel, wodurch wir nämlich der Hoffart großen Vorschub leisteten. Denn wir wurden gedrängt, nicht aus einfachem, sondern aus vielfarbigem Tuche die geringfügigsten Kleidungsstücke anzufertigen. Wir mußten wie Maler auf das sorgfältigste Wolken, Sterne, blauen Himmel, Blitze, Hagel und ineinander verschlungene Hände Liebender darauf sticken, außerdem noch Würfel, Lilien, Rosen, Bäume, Zweige, Stämme, Kreuze, Brillen sowie andere endlose Torheiten mehr, wie sie das geräuschvolle Leben aus Leichtfertigkeit und Hoffart täglich neu hervorbringt.3 Die kostbarsten Stoffe wurden dazu verwendet, als da sind Scharlach, englischer Stanet, Wolltuche aus Lüttich, Rouen, Grenoble, Brügge, Gent, Aachen, ferner Seidenstoffe wie Samt, der sich rauh anfühlt, Damast, Kamelott4 , mit Rosen in Plattstich verziert. Zendel und Zendelin5, zu den kleinsten Riemchen geschnitten, wie sie in ganzen Stücken vom blutigen Schweiß der Bauern und Armen um schweres Geld angeschafft werden. Was die Tuchreste angeht, die vom Schneider nicht verrechnet werden und wovon in allen Ecken der Werkstatt hohe Körbe voll stehen, so schien es mir doch als ein unerlaubter Diebstahl, diese zurückzubehalten; und das bereitete meinem Gewissen nicht wenig Verdruß, verursachte mir täglich mehr Ekel an diesem Handwerk und ließ mich an meinem Heil verzweifeln. Und doch ist es eine allgemeine, insbesondere von Habsüchtigen und Dieben gebilligte Gewohnheit: Sie haben unter dem Tisch einen Kasten oder Korb, den sie das „Auge“ nennen; in ihn werfen sie die Tuchreste. Und wenn sie danach gefragt werden, geben sie zur Antwort, es wäre kaum so viel übriggeblieben, als daß man damit ein Auge hätte vollmachen oder bedecken können; womit sie aber ihren Korb und nicht ihr Auge meinen.

Viertes Kapitel

Wie Johann über Frankfurt nach Mainz wanderte und als Klosterschneider nach Johannisberg im Rheingau kam

So hatte ich denn mein Handwerk aus besten Kräften erlernt; doch wegen der eben erwähnten und anderer Umstände mehr schien es mir für das Heil meiner Seele gefährlich, ja, man hatte es mir verleidet. Als meine Lehrzeit um war, wanderte ich daher nach Frankfurt. Hier ist zweimal im Jahr eine von Kauf- und Handelsleuten aus den verschiedensten Gegenden besuchte große Messe. Diese wurde - so sagt man — vor langer Zeit von Duisburg, einer Stadt im Jülicherlande, wegen des dortigen Straßenraubes nach Frankfurt verlegt.

❡ Von hier ging meine Reise weiter nach Mainz. Weil es mir dort besonders wegen der vielen Kirchen und Klöster sehr gut gefiel, trat ich bei einem gewissen Meister Everhard, der noch lebt und ein gar tüchtiger Meister ist, auf eine Zeit in Dienst.

❡ In Böhmen war ich sehr von der Religion abgekommen. Nun ging ich viel in die Klöster, um das Versäumte nachzuholen. Als ich mir so das Leben der Klosterleute und besonders der Dominikaner, die ich öfter besuchen durfte, betrachtete, fühlte ich mich von Tag zu Tag mehr zu dieser Lebensweise hingezogen. Ich bat um Aufnahme, und es verwandte sich für mich ein gewisser Johann Hermann Rummel, ein Landsmann und Altersgenosse von mir, der damals in Mainz in einer Burse studierte und mit den Vätern gut bekannt war. Aber leider hatten sie schon zwei Konversbrüder, die ihnen die Schneiderei besorgten. Sie verwiesen mich daher an das Kloster des heiligen Johannes des Täufers, das sehr schön auf einem hohen Berg mitten im Rheingau liegt. Der Abt hatte sich früher in Mainz wegen eines Schneiders erkundigt, der Laienbruder werden wollte. Als ich auf Johannisberg ankam, hörte ich, daß der Abt in den letzten Zügen liege. Tatsächlich ist er auch nach einigen Tagen gestorben.6

Fünftes Kapitel

Was Johann als Klosterbruder auf Johannisberg für ein Leben hatte

Nachdem der Abt den Weg allen Fleisches gegangen war, bereiteten sich die Brüder drei Tage lang mit Fasten und Beten andächtig auf die Wahl eines neuen Hirten vor. Aus der kanonischen Wahl ging der neue, der jetzige Herr Johannes von Segen7 hervor, der vorher als Siechmeister dreißig Jahre lang sein Amt sorgfältig versehen hatte. Als er nun vernahm, daß ich des Ordens wegen nach Johannisberg geschickt worden war, stimmte er meiner Aufnahme sofort zu. Denn er erwog den nicht unbedeutenden Schaden, den das Kloster an dem bisherigen weltlichen Schneider hatte, da dieser Abend für Abend mit Lebensmitteln und anderen Dingen beladen, die er entwendet hatte, nach Hause ging. Der Schneider wurde nun entlassen.

❡ Ich aber bekam den Habit8 der Laienbrüder und wurde in das Kloster St. Jakob auf dem Schönenberg bei Mainz geschickt, um dort den Schnitt der Kutten zu erlernen. Hier erwarb ich mir unter Leitung des Bruders Schneider in wenigen Tagen eine ausreichende Fertigkeit und kehrte danach zu meinem Kloster zurück.

❡ Nun ging es an die Arbeit. Meine Werkstatt lag im Sommer schr schön oberhalb des Siechenhauses. Ehemals hatte ein Graf von Solms9, Domherr und des Aussatzes verdächtig, wegen der Anmut des Ortes seine Wohnung hier gehabt. Im Winter arbeitete ich unten im Krankenhaus. Ich hatte für den Konvent und den Abt, für Laienbrüder und Knechte und für den Bedarf des ganzen Klosters sowie für die Kirche das Nötige zu nähen.

❡ Neben der Schneiderei hatte man mir noch andere Verrichtungen übertragen. Frühmorgens mußte ich einen Krug frisches Brunnenwasser in die Sakristei tragen, für die Kellner10, von denen immer einer morgens um fünf Uhr die heilige Messe las. Auch hatte ich den Brüdern bei den stillen Messen und dem Abt bei der Hochmesse zu dienen. Desgleichen mußte ich dem Spedeler11 zur Hand gehen und, wenn Gäste weltlichen Standes da waren, deren Bedienung übernehmen. Jeden Mittwoch ging ich mit dem Kellner nach Bingen, um dort für zwei Gulden Eier zu kaufen und andere notwendige Bestellungen zu machen. Auch ritt ich öfter mit, wenn der Prälat in Begleitung des Trithemius12 die Klöster visitierte; oder ich begleitete ihn oder andere Brüder nach Frankfurt, Mainz, Sponheim, Kreuznach und in verschiedene andere Orte. Mitunter reiste ich auch allein, um Geschäfte zu machen. Außerdem mußte ich mit Konventualbrüdern in die Weinlese und die Heuernte gehen oder diese begleiten, wenn sie auswärts predigten.

Sechstes Kapitel

Von den Herrlichkeiten des Rheingaus

Der Rheingau hat zwar nur die geringe Ausdehnung von vier Meilen und erstreckt sich auf der einen Seite von Walluff bis nach Lorch, der Stadt Bacharach gegenüber. In seiner Mitte auf einem Berg unweit des Rheins liegt das Kloster Johannisberg. Der Rheingau ist ein anmutiges Land, mit Wein, Getreide, Wäldern, Wasser und den verschiedenartigsten Obstbäumen reich gesegnet, mit vielen stadtähnlichen Ortschaften übersät, unter denen zwei besonders bedeutend sind, nämlich Bingen und Eltville. Auch besitzt er mehrere Klöster für Frauen und für Männer, als da sind Eberbach, vom Orden des heiligen Bernhard, Johannisberg, Rupertsberg bei Bingen, Gottestal und einige andere. Mitten durch den Gau fließt der Rhein, reich an Inseln und Wiesen, von denen manche von beträchtlicher Ausdehnung sind.

❡ Das Volk ist hier wohlhabend und tapfer; vorzeiten hat es sogar Mainz erobert. Es gibt im Rheingau großen Überfluß an Obst. Ich kannte dort einen Landmann, der in einem einzigen Jahr allein für seine Kirschen auf dem Markt zu Mainz dreißig Gulden einnahm. Das Volk hat seine Freiheit bewahrt. Es erfreut sich alter Rechte und Gewohnheiten, die bereits den Vorfahren verbrieft worden sind. Vier Fürsten haben einstmals versucht, dieses Land anzugreifen. Sie mußten unverrichteter Sache wieder abziehen. Der Gau ist durch seine Wälder, Berge und Wälle auf der einen und den Rhein auf der anderen Seite stark geschützt.

❡ Über den Rheingau schreibt Bruder Bartholomäus Anglicus vom Orden der Minderbrüder in seinem Werk „Von den Eigenschaften der Dinge“ im 15. Buch, 127. Kapitel, folgendes: „Der Rheingau ist ein kleines Gebiet, das zwischen den Bergen bis nach Bingen hin sich erstreckt. Von dem Strom, der ihn durchfließt, hat es den Namen Rheingau erhalten. Das Ländchen ist zwar nicht groß, aber auf beiden Seiten des Rheins bis zu den Gipfeln der Berge von anmutiger Schönheit, und so fruchtbar ist diese Gegend, daß sie nicht nur die Bewohner, sondern auch den flüchtig am Ufer vorüberziehenden Wanderer ergötzt und anmutet wie ein Paradiesgarten. Der Boden ist dort so üppig und ergiebig, daß er Getreide und Obst in ebensogroßer Fülle wie Schnelligkeit hervorbringt. Auf demselben Grundstück gedeihen die verschiedensten Obstsorten, aber auch Nüsse. Bei allem Obstreichtum fehlt es gleichwohl nicht an Getreide. Auch hindert der Obstbau ebensowenig die Weinkultur. Im Gegenteil, ein und dasselbe Stück Acker bringt hier Getreide und Wein, Nüsse und Obst, Äpfel und Birnen und manche anderen Früchte hervor. Warme Heilquellen, nützlich für allerlei Übel des Körpers, entspringen hier dem Innern der Erde. So bietet dieses Land noch manches für die Bedürfnisse und Freuden des Lebens. Aber das alles im einzelnen zu erzählen, würde zu weit führen.“

Siebentes Kapitel

Wie es zu Johannisberg mit der Arbeit und der klösterlichen Ordnung gehalten wurde

Den Faden meiner Geschichte wieder aufnehmend, bemerke ich, daß es im Kloster Johannes des Täufers zwölf Laienbrüder gab. Von diesen arbeiteten zwei in der Küche und einer in der Mühle mit einem Knecht; dieser hatte das Getreide heranzufahren und das Mehl in die Ortschaften zu liefern. In der Spinde13 waren zwei Brüder beschäftigt; der eine hatte nach den Anweisungen des anderen zu arbeiten; war dieser abwesend, vertrat er ihn und verfügte dann auch über die Schlüssel. Ferner war noch je ein Laienbruder im Werkhaus und im Backhaus beschäftigt, einer an der Pforte und einer in der Kleiderkammer. Wenn an einzelnen Tagen die Arbeit sich sehr häufte, ordnete der Kellner an, daß dort noch ein Knecht mit aushalf. Die übrigen Laienbrüder waren unter sorgfältiger Aufsicht der Oberen mit den laufenden Arbeiten vollauf beschäftigt.

❡ Die Beaufsichtigung war so sorgfältig, daß keiner sich dem Nichtstun überlassen konnte, von der gebührenden Ruhe und dem gewohnten Gebet einmal abgesehen. An den Werktagen mußten wir alle regelmäßig früh um vier Uhr in der Kirche zur Messe sein, die um fünf Uhr anfing. Wenn einer aus Nachlässigkeit, oder weil er verschlafen hatte, fehlte, so wurde ihm an dem Tage seine Portion Wein entzogen, die für mittags und abends nur zwei Becher voll ausmachte. Für unseren Bedarf war ein besonderes Faß von dem letzten, über die Trester14 gegossenen Kelterwein zurechtgemacht. Das Faß stand das ganze Jahr über nie leer und wurde das „Konventsstümpfchen“ genannt. Uns wurde nämlich immer ein Wein geringerer Qualität gereicht, ausgenommen an Festtagen, wo wir denselben Tisch hatten wie der Konvent. Eine ähnliche Strafe traf jene, welche die Zeit der Beichte und der Buße versäumten, wozu wir jeden zweiten Sonntag verpflichtet waren, und zwar dauerte die Strafe so lange an, bis das Versäumte nachgeholt und der Pflicht Genüge geschehen war.

❡ Wir schliefen alle zusammen; im Dormitorium war strenges Stillschweigen. Auch würde es niemand je gewagt haben, das Silentium bei Tisch zu brechen, denn es las regelmäßig immer einer etwas vor: aus dem Leben der heiligen Väter, aus den Legenden der Heiligen oder den Auslegungen der Sonntagsevangelien und -episteln.

Achtes Kapitel

Warum Johannes das Studium in Deventer aufgeben mußte und wie die Mutter ihn wieder dazu ermunterte

Da ich nun als Laienbruder mit diesen und ähnlichen Arbeiten und Übungen beschäftigt war, regte sich allmählich in mir das Verlangen nach der höheren Observanz der Brüder, und ich beklagte es sehr, daß ich das Studium hatte aufgeben müssen. Dies entging den jüngeren Brüdern nicht, die gerade von den Schulen gekommen waren, und heimlich redeten sie mir zu, ich möge mich nach Deventer begeben. Ein älterer Mönch, Peter Schlarp mit Namen, ein sehr strebsamer und gelehrter Herr, gab mir einen Empfehlungsbrief an den Rektor des Gymnasiums zu Deventer, Alexander Hegius, mit. Damit reiste ich ab, obwohl der Abt viele Einwände erhob und an einen Erfolg nicht glauben wollte.

❡ In der Aufnahmeprüfung wußte ich freilich nichts zu antworten, aber weil man erstaunt war über das gute und stilgerechte Latein in meinem Empfehlungsschreiben, wurde ich der siebenten Klasse zugeteilt, um mit den kleinen Knaben die Anfangsgründe der Grammatik zu erlernen. Bald kam ich aber durch Mangel, Hunger und Kälte so in Not, daß ich das eben begonnene Studium wieder aufgeben mußte. Mit einigen Kameraden, die mir dazu geraten hatten, machte ich mich davon.

❡ Zwei edle Herren, Johann Gre..., der später an der Pest starb, und sein Bruder Friedrich, der noch lebt, verwendeten sich für mich, und so wurde ich wieder in mein Kloster aufgenommen, obwohl ich vorher den Habit abgelegt und mich in das Kloster Eberbach15 begeben hatte, ohne zurückzukommen, wie der Abt es befohlen hatte. Das Kloster Eberbach soll vom heiligen Bernhard gegründet worden sein zu der Zeit, als er in der Eigenschaft eines kaiserlichen Legaten in der dortigen Gegend war. So erhielt ich denn ein zweites Mal das Ordenskleid zurück. An einen abermaligen Austritt oder an ein Studium war nicht mehr zu denken. Im stillen war ich schon mit mir einig geworden, nun für immer im Kloster Johannisberg zu bleiben.

❡ Da ergab es sich eines Tages, daß ich mit dem Abt nach Frankfurt mußte. Hier traf uns meine Mutter. Sie hatte gehört, ich sei schon längst ein Lollarde16; sie hatte mich in unserem Kloster aufgesucht und kam uns mit bekümmertem Herzen nach. Den ganzen Tag war sie hinter dem Abt her; er möge doch zustimmen, daß sie mich noch einmal zur Schule schickt. Der Abt jedoch ließ sich durch das flehentliche Bitten nicht erweichen. Als die Mutter sah, daß sie auf diesem Wege nichts ausrichtete, gab sie mir insgeheim Geld und machte mit mir aus, daß ich nach meiner Rückkehr gegen den Willen des Abtes das Kloster verlassen sollte.

Neuntes Kapitel

Wie Johannes vom Abt zum Studieren entlassen wurde. Ein häuslicher Zwischenakt

So kehrten wir in unser Kloster zurück. Um die Erlaubnis zum Austritt zu bitten, dazu hatte ich jetzt den Mut nicht. Doch hatte ich mich schon damit abgefunden, in dem geringen Stand zu verbleiben. Durch die Bitten meiner Mutter im Herzen beunruhigt, kam der Abt jedoch eines Tages zu mir. Er redete mir freundlich zu und sagte, was mir nach Wissen und Gewissen als das beste und heilsamste erscheine, das möge ich tun. Verschämt gestand ich ihm meine Liebe zu den Wissenschaften, und daß es mich nach einer höheren Ordensstufe verlangte. Darauf sagte er: „Der Wunsch deiner Mutter soll gewährt sein. Zieh hin im Namen des Herrn und bleibe standhaft in deinem guten Vorhaben! Mit Eifer und Ausdauer geh an deine Studien und vollende sie. Dann komme wieder, und der Orden steht dir offen!“

❡ So verließ ich also ein drittes Mal das Kloster und begab mich in meine Vaterstadt. Bei allen Bekannten war ich ein willkommener Gast. Als aber die Leute hörten, daß ich wieder in die Schule wolle, lobten einige mein Vorhaben und wünschten mir Glück; andere aber meinten, ich sei zu alt dazu und spotteten darüber. Der Vater jedoch freute sich nicht wenig darüber und legte mir gleich das Geld für die Reise zurecht. Fünf Gulden gab er mir. Weiter wußte er, daß die Mutter von dem Hillig17 her einen schönen Gulden ihr eigen nannte; mit dem hatte er sich ihr verlobt. Mit aller Gewalt verlangte er den für mich heraus. Die Mutter aber wollte ihn nicht hergeben, statt dessen hatte sie vor, hinter dem Rücken des Vaters mir einen anderen Gulden zukommen zu lassen.

❡ Darüber entspann sich zwischen beiden ein heftiger Streit, der damit endete, daß er die Mutter prügelte und an den Haaren riß. Als ich das sah, warf ich mein Gepäck und das Geld hin und eilte zusammen mit Bruder und Schwester der Mutter zu Hilfe. Es gelang mir, sie unter seinen Füßen wegzuziehen. Bitterlich weinend ging ich dann aus dem Haus, ich gelobte mir, nach diesem Vorfall keinen Fuß mehr in eine Schule zu setzen, aber auch nicht mehr in das Kloster zurückzukehren.

❡ Inzwischen legte sich der Zorn des Vaters. Nun zu sich gekommen, hielt er es vor Gewissensbissen nicht mehr aus. Er eilte durch die Stadt und suchte mich. Als er mich gefunden hatte, bat er mich in seiner Herzensangst, meinen Vorsatz um Gottes willen nicht aufzugeben. Auch möge ich ihm die Schuld, in die er gefallen sei, weil er mir gut sein wollte, verzeihen. Ich solle mich zufriedengeben und mein Vorhaben wieder aufnehmen, das ihm so viel Freude bereite. Damit händigte er mir den durch Schläge erpreßten Gulden aus, den ich des lieben Friedens wegen auch annahm, um ihn anschließend der Mutter, die mich an das Schiff begleitete, heimlich wieder zuzustecken. Dann riß ich mich los.

❡ Unser Schiff segelte den Main und den Rhein hinab. Sowohl in Mainz als auch in Köln wechselte der Schiffspatron. Günstige Winde schwellten unsere Segel, und schon nach neun Tagen gingen wir in Deventer an Land.

❡ Dort wurde ich vom Rektor erneut examiniert und nun der achten Klasse zugewiesen.18 Hier saß ich neben sechs anderen erwachsenen Schulkameraden, die sich aus Furcht vor Verfolgungen infolge eines Aufruhrs ans Studieren begeben hatten. Denn wenige Tage zuvor war eine Schar von siebentausend Aufständischen, die eine Stadt belagert hielt, vom Bischof von Utrecht und dem Herzog von Geldern aufs Haupt geschlagen worden. Hundert von den Aufständischen hatte man zum Tode verurteilt; sie waren am Tage meiner Ankunft und an den zwei vorhergehenden hingerichtet worden; ich sah sie noch oben auf den Rädern sitzen. Von den erwähnten Genossen nun, die mehr aus Furcht denn aus Wißbegierde das Studium angefangen hatten, blieben nur einige dabei. Sie waren schwer von Begriff und kamen daher nicht voran, während ich Tag und Nacht eifrig studierte, um alles zu begreifen.

Zehntes Kapitel

Wie Johannes in Deventer studierte

Es dauerte nicht lange, da wurden die genannten Mitschüler von der Schule geschickt. Einer von ihnen hatte schon vier Jahre in ein und derselben Klasse zugebracht, aber kaum notdürftig lesen gelernt, obwohl er bei einem seiner Lehrer wohnte und sich den Unterricht viel hatte kosten lassen. Ich dagegen besuchte nur kurze Zeit die achte Klasse, dann durfte ich die siebente überspringen und zur sechsten aufsteigen; und von dieser kam ich zu Ostern in die fünfte Klasse. Nun erhielt ich auch eine Stelle bei den Brüdern19 im Armenhaus, wo man erst von der fünften Klasse an Aufnahme fand, sofern man die Absicht hatte, Mönch zu werden. Übrigens hatte ich bei einem Kanoniker der Stadt, der zugleich Propst im benachbarten Zütphen war, freien Zugang, sobald ich etwas benötigte. Diesem hatte ich nämlich, als ich vor meinem Eintritt in das Brüderhaus bei einer frommen Frau20 in der Stadt wohnte, mancherlei Dienste geleistet. Aber auch andere waren mir wohlgesonnen und hatten mir in der Zeit der Not und des Elends ihre Hilfe erwiesen.

Damals litt ich an den verschiedensten Krankheiten, so daß ich bei allem Eifer für die Wissenschaft manchmal versucht war aufzugeben, denn es schien mir, daß noch nirgendwo ein so ungesundes Klima und eine so rauhe Luft war wie hier. Täglich wurde ich von irgendeiner Plage oder Krankheit heimgesucht, daß ich ernstlich daran dachte, das Studium an den Nagel zu hängen und mein altes Handwerk wieder anzufangen, nur um von dieser Gegend und ihren Bewohnern wegzukommen. Bald waren es hitzige Fieber, bald geschwürartige Krankheiten, die mein Leben bedrohten; ferner die Halsbräune mit einer Geschwulst des Kehlkopfes sowie die Räude, und zwar so schlimm, daß die ganze Haut davon starrte. Hinzu kamen häufig noch böse Geschwüre an verschiedenen Körperteilen. Auch hatte ich geschwollene Füße und längere Zeit eine Geschwulst an dem einen Schenkel. Eine heilkundige Frau half mir. Sie schnitt das Geschwür, das sie „Rose“ nannte, mit einem eisernen Instrument auf. Schier verzweifelt bin ich ob des Schmerzes, den ich dabei ausstand. Außerdem lebte ich fortwährend in großer Angst, es könnte mir hier, was man auch zu Hause befürchtete, von irgendeiner Seite etwas Übles zustoßen. Nie fühlte ich mich ganz sicher. Als man einige Male mit dem Ausbruch eines Krieges rechnete, fürchtete ich, vor Vollendung meiner Studien, der Wissenschaften unkundig, wieder nach Hause gehen zu müssen und denen zum Gespött zu werden, die vorher gemeint hatten, ich würde im Studium nichts ausrichten, und die mich dann, als ich Ernst damit machte, für verrückt gehalten und mich ausgelacht hatten. Überdies hieß es auch täglich, die Pest sei vor der Tür. Wenn aber Pest oder Krieg ausbrachen, pflegte man die Schüler aus der Stadt zu schicken. Außerdem litt ich viel an einer räudigen Krankheit, die „Feigwarze“ genannt wird und die gleichsam wie Eichenrinde den Körper bedeckte. Schließlich wurde ich dort noch von vielen anderen Widerwärtigkeiten heimgesucht, mit denen mich der Teufel durch göttliche Zulassung schlug; um mich von meinem Vorhaben abzubringen. Doch gestärkt durch die Unterweisungen der frommen Brüder, die sich der Schüler mit viel Liebe und Erfolg annahmen, sowie durch die Tröstungen frommer Leute habe ich, gottlob, alle diese Trübsale geduldig ertragen und den arglistigen Feind mit seinen Nachstellungen überwunden.

Elftes Kapitel

Wodurch Johannes sich bestimmen ließ, trotz aller Widerwärtigkeiten beim Studium zu bleiben

Nun, da alle diese Leiden überstanden sind, macht es mir viel Freude, daran zurückzudenken, zumal ich glaube, daß mir all das zur Läuterung und Förderung meiner Seele widerfahren ist. Es geschah fünfmal, daß ich, von anderen angestiftet, drauf und dran war, das Studium aufzugeben und nach Hause zu gehen.21 So hatte ich einstmals — es war ein Jahr nach meiner Ankunft, und ich war bereits in der fünften Klasse - mit einigen Kameraden eines Morgens verabredet abzureisen. Am Abend davor bekam ich plötzlich eine Geschwulst an den Füßen und das schon erwähnte Geschwür. Aus der Abreise wurde nichts. Ich blieb und kam in die vierte Klasse. Jetzt danke ich Gott für diese Fügung. Wäre ich damals fortgegangen, hätte mich kaum einer dazu gebracht, zu solchem Elend zurückzukehren. Zwei Gründe vor allem waren es, die mich bestimmten, bei den Wissenschaften auszuhalten: der Wunsch meines Vaters, solange er noch lebte, sowie die Prophezeiung einiger Leute, daß ich einmal Priester werden würde. Die eine Prophezeiung geschah noch zu Hause, die andere zu Johannisberg, als ich dort Laienbruder und Klosterschneider war. Ich erzählte einem alten, kranken Pater, den ich zu bedienen und zu versorgen hatte, daß ich als Knabe zu meinem Bedauern das Studium hatte aufgeben müssen. Meinem Arbeitstisch gegenüber hatte ich oben an der Wand ein rundes Stück Brot, eine Hostie, befestigt, um gegen die Versuchungen, denen man in der Jugend in mannigfacher Weise ausgesetzt ist, das Andenken an die Leiden unseres Herrn jederzeit vor Augen zu haben. Als ich nun so erzählte und darüber klagte, daß es mit meinem Studium und darum auch mit meiner Hoffnung, Priester zu werden, aus sei, da löste sich plötzlich zu unserer großen Verwunderung die Hostie von der Wand und fiel zu Boden. Als der Greis, der zitternden Hauptes hinter dem Ofen saß, das sah, stand er trotz seiner Altersschwäche sogleich auf und sprach mit erhobener Stimme: „Sieh, Bruder Johannes, das soll dir ein sicheres Zeichen deines künftigen Priestertums sein. Du sollst nun nicht länger zweifeln, sondern es fest glauben, wie ich es dir jetzt ausgelegt habe, wenn du nur wieder an das Studium gehst.“

❡ Auch den Tag und die Stunde seines Todes sagte er voraus, und als er gestorben war, riefen ihn die Brüder wieder ins Leben zurück, damit er seine Beichte verrichte. Die Worte, die er mir gesagt hatte, vergaß ich nicht: Als ein Jahr vergangen war, begab ich mich aus großer Zuneigung zu den Wissenschaften mit Hilfe meiner Eltern wieder in die Schule, und mit Gottes Gnade und dem Beistand der seligen Jungfrau Maria wurde ich jener Vorhersage gemäß innerhalb von vier Jahren Mönch und Priester. Möge nun diese Gottesgabe mir Unwürdigem wie allen Unsrigen immerdar zum Heil der Seele und zur Ehre Gottes gereichen! Das ist mein sehnlichster Wunsch.

Zwölftes Kapitel

Wie Johannes sich entschloß, Priester zu werden. Und von den Herrlichkeiten der Stadt Deventer

Auch meiner Mutter war von einem Priester, der ein ehrwürdiger Mann und Pfarrer in der Stadt Aschaffenburg war, vorhergesagt worden, daß ich Priester werden würde. Als mir einmal eine Kasel zum Ausbessern gebracht wurde, hörte er, wie ich beim Anprobieren des Meßgewandes zu Gott aufseufzte: „Oh, daß ich doch auch ein Priester werden könnte!“

❡ Weiterhin beruhte mein Beharren, studieren zu wollen, auf einer Äußerung meines seligen Vaters, der das im Leben und im Sterben als seinen größten Wunsch dargestellt hatte. Deshalb hatte er mich, als er noch lebte, in die Schule geschickt, und das hatte er auch auf dem Totenbett der Mutter ans Herz gelegt. Nach seinem Tode, als ich das Schneiderhandwerk aufgegeben hatte und mit unseren Freunden zusammen überlegte, ob ich wieder zur Schule gehen soll, begab sich folgendes:

❡ Eines Morgens, als ich und mein Bruder Kunz aufstanden und wir uns ankleideten, erschien vor der Kammer der Geist meines Vaters, ganz in der Gestalt, die er zu seinen Lebzeiten hatte. Er blieb ein Weilchen in der weitgeöffneten Tür stehen, sah mich mitleidig an, als wollte er mir bedeuten, ich solle meinen Plan, der so lange sein sehnlichster Wunsch gewesen war, unverzüglich und ohne Furcht und Zagen zur Ausführung bringen. Mehr als alles andere war dieser Vorfall mir Ansporn zum Eifer sowie zur Beharrlichkeit in den Studien. War ich dem Vater im Leben schon gehorsam gewesen, so wollte ich es nun nach seinem Tode um so mehr sein. So sehr hatte er gewünscht, daß ich Priester werde. Gebe Gott, daß nun, da ich es bin, ihm solches zur Ruhe seiner Seele gereiche!

❡ Nach dieser Abschweifung nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf und möchte nun Deventer, wo ich all die vorerwähnten Beschwernisse ausgestanden habe, ein wenig herausstreichen. Das Volk dort ist gegen die Armen über die Maßen mildherzig, wie ich es sonst nirgends gefunden habe. Die Leute sind fromm und halten gar viel auf die Religion. Zugleich ist die Stadt infolge ihres lebhaften Handels mit überseeischen Ländern sowie mit Holland und Zeeland außerordentlich wohlhabend. Ich will ein Lügner sein, wenn ich nicht dort einen Bürger gekannt habe, einen großen Wohltäter von mir und anderen Armen, der seiner Tochter bei ihrer Vermählung siebzehntausend Gulden in barem Geld als Aussteuer mitgab. Dieses Bürgers Hausfrau war ebenfalls rechtschaffen und außerordentlich barmherzig gegen Arme und Fremde. Kein Tag verging, an dem sie nicht sechs oder sieben Kleriker zu ihrem gutbesetzten Tisch einlud; nicht zu reden von dem Almosen, das sie anderen Armen unaufhörlich an der Tür spendete. Es war viel, was diese lobenswerte Frau während meiner Krankheit und Not mir Gutes erwies, sei es durch Nahrung, Kleidung, Geld, sei es durch tröstlichen Zuspruch. Sie mit den Ihren verdient es wahrlich, so reich zu sein, weil sie nicht wie andere Reiche stolz oder geizig ist, ihr Vertrauen nicht auf ihre Reichtümer gründet, sondern mildherzig, freigebig und barmherzig gegen die Bitten der Armen ist und auf Gott all ihr Hoffen setzt.

❡ Noch mehrere solcher gottesfürchtigen Leute hat diese edle Stadt. Dabei besitzt sie eine gute Verfassung und eine wohlgeordnete Regierung. Den Lobpreis dieser Stadt hat Alexander Hegius, vormals Rektor des dortigen Gymnasiums, in folgenden kurzen Versen zusammengefaßt, die zugleich sein letztes Diktat gewesen sind:

Von dem Frommsinn von Deventer Durchhallet der Ruf die Städte; Wohl wert, ich des Reichtums es achte, Der in Fülle sich stets dort findet. Da bietet Schutz man dem Landmann: Der Räuber Blut man vergießet; Den schuldigen Sold auch den Kriegern Zu Fuß und zu Rosse man zahlet. Gefüllt sein möge nur immer Der Schatz, den Zwietracht nicht leere! So flehen bei Tag und bei Nacht wir, Die Jugend zumal und das Alter.

❡ Als ihren Patron verehrt die Stadt den heiligen Bekenner Lebuin22, der ein Mönch unseres Ordens und des heiligen Willibrod Schüler gewesen ist. Ihm zu Ehren ist dort auch eine prächtige Kirche erbaut worden; darin sind seine Gebeine zusammen mit den Reliquien etlicher anderer Heiliger, so die der heiligen Margaretha23, die von Rom dorthin überführt wurden, aber auch die des heiligen Radbod24, des Bischofs von Utrecht, sowie die mehrerer anderer, in einer kostbaren Truhe würdig beigesetzt. Lebuin kam aus England herüber und bekehrte das Land zum christlichen Glauben. Er wohnte an der Yssel, die ein Arm des Rheins ist, und bis auf den heutigen Tag ist sein Haus zu besichtigen, freilich hat es jetzt ein ganz anderes Aussehen.

❡ Außer den Märkten, die etliche Male des Jahres in Deventer abgehalten werden, hat die Stadt noch einen anderen Vorzug, durch den sie mit Recht weit und breit vor allen Städten jener Gegend berühmt geworden ist: Das ist ihr Gymnasium, das lange Zeit unter der tüchtigen Leitung gelehrter Männer und wegen seiner Pflege der schönen Wissenschaften in hoher Blüte stand. Aber nach dem Tode des Alexander Hegius25, der ein sehr gelehrter Mann war, Philosoph, Dichter und dreier Sprachen mächtig. Er starb im Jahr des Herrn 1498, dem ersten Jahr meiner dortigen Studienzeit. Seit dieser Zeit - nicht ohne Schmerz sage ich das - ist die Schule, wie ich von dort höre, sehr heruntergekommen. Ja, Alexander Hegius, das war ein Mann, des höchsten Lobes würdig, wie er denn auch im Leben und im Tode von den gelehrten Männern verdientermaßen gepriesen worden ist. Wie eine glänzende Leuchte so strahlte er durch seine Rechtschaffenheit unter dem Volke und durch sein umfassendes Wissen und seine große Begabung unter den gelehrten Leuten hervor. Sein ehemaliger Schüler, der gelehrte Desiderius Erasmus26, erwähnt den großen Lehrer in seinen Sprichwörtern in ehrendem Gedenken. Hegius’ glänzende Begabung rühmen in ihren Schriften der gelehrte Rudolf Agricola27, seinerzeit Rektor der Universität zu Heidelberg, sowie Johann von Dalberg28, der hochgebildete Bischof von Worms. Mit den ausgezeichnetsten Lobsprüchen überhäuft ihn auch Michael Hobing29, gegenwärtig Rektor der Schule zu Wesel, in einem Gedicht, das er ihm übersandte, als er noch in Rostock die schönen Wissenschaften lehrte:

Eile dahin, mein Lied, durch ungewohnte Gefilde,
Säume nicht deinen Schritt (weit ist der Weg bis zum Ziel),
Bis in dem westlichen Lande dort eine Stadt du wirst finden, Wo in reißendem Strom ziehet die Yssel vorbei. Hier sich am Ufer erhebet Deventer mit ragenden Mauern, Reich an Habe und Gut wie auch an Bürgern zugleich. Dort in den Hallen der Schule, der rühmlichen, waltet ein Lehrer, Der in jeglicher Kunst ward von Minerva belehrt: Hoch schon hat ihn der Ruf hinauf zu den Sternen getragen, Laut ihn genannt nach Gebühr und überhäufet mit Lob. Siehst du ihn dorten vielleicht bei den Scharen gelehriger Schüler, Wo aus der friedlichen Brust strömet die Rede hervor, Sage ihm: dich und nur dich in weit entlegenem Lande
Suche ich, trefflicher Mann! Vielmal sei du mir gegrüßt!
Wird er dich fragen sodann, mein Lied, von wem du gesandt bist,
Gib in Kürze sogleich dies ihm als Antwort zurück:
Die du vernimmst hier, die Weisen, der Leier entlocket, Sendet ein nordisches Land, edeler Mann, zu dir hin, Jenes Gestade, wo Rostock sich birgt in gewaltigen Mauern, Wo man der Weisheit Pokal lieblich auch findet kredenzt. Dort barg unbekannt sich ein Mann von westfälischem Stamme, Dürstend nach göttlichem Licht aus philosophischem Geist; Horstmars:Gauen entsprossen, den altberühmten, nachdem einst Blutiger Kriege Ernst hatte gefunden sein Ziel. Ihn hat bewogen dein Ruhm, der hinauf zu den Sternen gedrungen. Daß er als Boten. sogleich sendete mich in dein Haus. Nicht verschmähe den Freund, den unbekannten, so fleht er, Und, was er sandte, das Lied, würdig’ es gnädigen Blicks! Wenn inskünftig’ die Zeit und Gelegenheit hold sich erweisen, Ist es sein sehnlichster Wunsch, selbst zu erscheinen vor dir.

❡ Wie Hermann von dem Busche30, dieser wackere Dichter unserer Tage, über die Gelehrsamkeit des hochberühmten Schulmannes dachte, hat er kurz, aber schön und treffend in folgendem, dem gefeierten Manne gewidmeten Oktostichon ausgesprochen:

Wenn in aonischen Hain jemals ein Berufener eintrat, Wenn je die Leier einmal lebte in lauterer Hand, Wenn je einer verstand die Schriften griechischer Männer, Oder deutet’ den Blitz, leuchtend aus latischem Geist, Wenn je einer mit Krieg und den Schlachten der Römer vertraut war, Wenn je einem Sibyll samt den Kamenen war hold: Nicht will ich leben, wenn dir, der nach Pellas König sich nennet, Nicht ganz allein dieses Geschick ward zuteil.

❡ Schließlich rühmt ihn auch ein Philosoph von Deventer, Jakob Fabri31, in der Grabschrift, die er Hegius nach dessen Tod widmete; ebenso noch viele andere, die ich nicht alle aufzählen kann. Vorstehendes, mein lieber Philipp, habe ich zum Lobe dieses Mannes hier eingefügt, damit Du daraus ersiehst, mit welcher Liebe ich an ihm hing, hat er mich doch zum Studium der Wissenschaften in seine Schule aufgenommen. Daraus sollst Du lernen, Deine Lehrer liebzuhaben, da man, wie der Philosoph lehrt, das, was man Eltern und Lehrern verdankt, überhaupt nicht vergelten kann. Und weil es mir nicht gelingt, ihm mit eigenen Worten zu genügen, darum habe ich hier das rühmende Zeugnis seiner Schüler angeführt. Bei diesen wenigen Bemerkungen über einen Mann, der nur darauf aus war, die Stadt Deventer durch den Ruhm seiner Wissenschaft und Gelehrsamkeit sowie durch die sorgsame Leitung ihrer Schule zu verherrlichen, will ich es bewenden lassen. Übrigens hat er die Stadt auch in einem Gedicht, das sich gegen die damals wütende Pest richtete, sehr schön besungen; aus ihm führe ich folgenden kurzen Vers an:

Nicht länger hier in Deventer Die Pest mehr sei, die wütende! Die Tränen mög man trocknen nun, Schon überviel geweinet ist. Zieh in die Stadt, der Ziegelstein’ Zu Mauern gab Semiramis, Zur Königsburg, die immerdar Sich ängstigt vor dem Thracier. Zu würdiglich ist Deventer, Als dürftest du ihm Schaden tun. An Ruhm erstrahlt es mannigfalt, Gleich Sternen- und Ktistallenglanz; Berühmt es ist und hochgeziert Durch Gottes würdge Priesterschaft, Durch Schule und Gelehrsamkeit; Als reicher Waren Stapelplatz.

❡ Doch damit soll nun genug gesagt sein zum Lobe der berühmten Stadt und ihrer Schule.

Dreizehntes Kapitel

Die Schule zu Deventer und das wissenschaftliche Leben in den Klöstern

Einen großen Nutzen brachte seinerzeit die Schule zu Deventer den reformierten Orden, indem sie ihnen viele gutausgebildete Schüler verschaffte. Solange die Schule durch guten Unterricht und gründliche Gelehrsamkeit ihren hohen, wohlverdienten Ruf bewahrte, war jeder bestrebt, geeignete Persönlichkeiten von dorther zu gewinnen. Damals sah man mehr geeignete und in den schönen Wissenschaften besser bewanderte Schüler zu Deventer und Zwolle den Orden zuströmen als heute; und diese waren leichter zu finden, als die, welche ich in der zweiten und ersten Klasse antraf, obwohl man gegenwärtig doch vorzüglichere Autoren auf den Schulen liest als damals. Denn das habe ich oft sagen hören: Außer den Parabeln des Alanus32, der Moral oder Ethik von Cato33, den Fabeln des Äsop und einigen anderen Schriftstellern dieser Gattung, auf die man jetzt mit Geringschätzung herabsieht, wurde selten etwas anderes gelesen. Dagegen war man bemüht, durch eisernen Fleiß, der auch vor der größten Schwierigkeit nicht zurückwich, sich ständig weiterzubilden. Nun aber, wo alle Gymnasien, selbst die allerkleinsten, widerhallen von den verschiedenen bewunderungswürdigen prosaischen und poetischen Werken alter und neuer Klassiker, nun ist aller Eifer erlahmt, und die meisten Schüler stellen sich, wie die Griechen sagen, dabei an wie der Esel mit der Leier. Die alles verschlingende Zeit läßt eben nichts von Dauer sein. Daher auch die Erscheinung, daß der Ordensstand zu sinken anfing, weil die genannte Schule in Verfall geriet. Doch sind seit Einführung der Reformation34, die, wie man sagt, noch in keinem Kloster hundert Jahre besteht, aus dieser Schule viele wissenschaftliche Männer hervorgegangen, die in verschiedenen Klöstern Deutschlands Aufnahme fanden und versorgt wurden.

❡ Es ist jedoch Zeit, zu meiner früheren Erzählung zurückzukehren. Was ich zum Lobe Deventers sagen wollte, habe ich gesagt. Für jene, die sich dort mit den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft beschäftigt und den Grund zu ihrer Bildung gelegt haben, sind das ohnehin bekannte Dinge. Mehrere von ihnen — mit Freuden schreibe ich es nieder — stehen mit mir hier im heiligen Kriegsdienst und tragen das Joch des Herrn; einige sind auch zu dem Treiben der Welt zurückgekehrt. Nun ist aber die Abschweifung, zu der mich die Liebe und Begeisterung für vergangene Zeiten verleitete, länger geworden, als es ursprünglich in meiner Absicht lag. Nehmen wir also endlich den Faden der Erzählung wieder auf!

Vierzehntes Kapitel

Welch tüchtige Lehrer Johannes in Deventer hatte und wie der Abt von Laach für sein Kloster werben ließ

In der fünften Klasse saß ich ein halbes Jahr unter der Leitung eines vorzüglichen Mannes, des Herrn Gottfried, der ein Bakkalaureus beider Rechte und Magister der freien Künste war. Nach einer Prüfung stieg ich dann zur vierten Klasse auf, wo ich unter dem fleißigen und kenntnisreichen Magister Johann von Venray ein Jahr zubrachte, nach dessen Verlauf ich unverdientermaßen in die dritte Klasse kam. Dieser Klasse stand damals Bartholomäus von Köln35 vor, ein über die Maßen fleißiger und gelehrter Mann. Was er geschrieben hat, in Prosa wie in Versen, wird von den größten Gelehrten bewundert und aufs höchste gepriesen. Er ist ein Mann von feinem und großem Geist und von wunderbarer Beredsamkeit, dabei in vielen Fächern des Wissens ausgezeichnet. Sehr verwunderlich schien es allen, daß ein Mann wie er, der in allen Zweigen der Wissenschaft so schr bewandert war, gleichwohl wie ein Unwissender mit unermüdlichem Fleiß oft vom Tage bis in die Nacht hinein studierte. Die fleißigen Schüler schätzte er sehr und gewährte ihnen gern vieles. Darum hingen auch die strebsamen und eifrigen Schüler, die ich kannte, mit so großer Liebe an ihm, daß sie sich kaum, wenn sie abgingen, von ihm losreißen konnten, nachdem sie mehrere Jahre unter einem so guten Meister und Lektor die philosophischen Wissenschaften studiert hatten. Von keiner Universität war er mit dem Magistertitel ausgezeichnet worden, obwohl er dessen würdig gewesen wäre. Deshalb ist Bartholomäus von Köln auch bis zum heutigen Tag manchen Hohlköpfen, die auf ihren leeren Titel stolz sind, ein Dorn im Auge, und seine Werke werden von ihnen als Schülerarbeit bekrittelt und über die Schulter angesehen. Als ein wahrer und echter Philosoph gibt er auf Leute, deren Wissenschaft nur in einem leeren Titel und gewissen Äußerlichkeiten besteht, nicht viel mehr als das Kamel auf den Purpur. Es ist doch wahrlich besser, wenn einer das Wesen der Wissenschaft besitzt als einen törichten Namen. Unter den vielen, die man jetzt Magister der Künste nennt, gibt es kaum einen, der auch nur in einer einzigen, wenn auch untergeordneten Disziplin über ein tüchtiges oder ausreichendes Wissen verfügt. Was soll so ein Name ohne Inhalt? Was nützen Titel ohne Mittel? Was eine Würde ohne inneren Wert? Was eine Benennung ohne Wahrheit? Wenn nunmehr einer ohne Fleiß seine Studienzeit hinter sich gebracht hat, ob er von dem Gehörten etwas weiß oder nicht, ob er ein Ignorant oder ein tüchtiger Mensch ist, ist es ihm ein leichtes, durch ein Geschenk zum Bakkalaureat, zur Magister- oder Doktorwürde zu gelangen. Unser Lehrer Bartholomäus für seinen Teil hielt es mit den Alten. Jenen Brauch der Neuzeit verachtete er als Torheit und schätzte ein ernstes Studium der Wissenschaft höher als ein eitles Prahlen damit. Ein gebildeter Geist galt ihm mehr als ein geschmücktes Haupt. Was tut das rote Barett auf dem Haupt, wenn innen der Geist von den Finsternissen der Unwissenheit umnebelt ist? Auf alle Fälle ist die Wissenschaft ohne Titel höher zu schätzen als ein Titel allein, wie jene sich dessen erfreuen, ohne Wissen. Doch darüber mag ich anderswo einmal reden.

❡ Als ich nun zu jenem hochgelehrten Philosophen in die dritte Klasse kam, beschloß ich, bis Ostern zu bleiben, dann nach Hause zu gehen und von dort aus mit Zustimmung der Eltern nach Johannisberg im Rheingau zurückzukehren, von wo ich ja auf dringendes Bitten der Mutter und nach Aufmunterung der Brüder zum Studium nach Deventer gegangen war. Ich wollte sehen, ob es mir gelänge, anstatt des niederen Ordenskleides, das ich abgelegt, das höhere anzulegen und in den Konvent der Brüder aufgenommen zu werden. Kaum aber war ich sechs Wochen in der Klasse, da traf der ehrwürdige Pater Ökonom von der Insel Niederwerth36 bei Koblenz in Deventer ein. Neben den übrigen Geschäften, die er zu erledigen hatte, war er von dem hochwürdigen Herrn Abt von Laach37 ersucht worden, etliche Schüler mitzubringen, die Lust hatten, in dem Kloster, welchem er bereits zehn Jahre vorstand, unter seiner sicheren Führung im Mönchsgewand nach der Regel dem Herrn zu dienen. Nachdem er das Schreiben des Abtes, das an den Rektor gerichtet war, vorgewiesen hatte, trug er sein Anliegen auch im Hause der Brüder vor. Danach stellte er auch in anderen Städten jener Gegend, in denen er zu tun hatte, in Schulen, Bursen, Brüderhäusern ebenso wie bei den Bürgern eifrige Nachforschungen an nach jungen Klerikern, die mit genügend Vorkenntnissen in den Wissenschaften versehen und geneigt waren, das weltliche Studium Gott zuliebe zu verlassen, um sich dem klösterlichen Leben und der Erforschung der heiligen Schriften zu widmen. Darüber mochten fast drei Wochen verstrichen sein, und er hatte noch keinen gefunden, der auf seine Vorschläge eingegangen war.

❡ Nach Deventer zurückgekehrt, erachtete er es für das zweckmäßigste, den Rektor, Herrn Ostendorp38, der als ein beredter und gelehrter Mann ein geeigneter Nachfolger des erwähnten Alexander in der Leitung der Schule war, um Unterstützung zu bitten. Dieser kam sogleich in die dritte und vierte Klasse und versuchte, mit warmen Worten die Schüler für den Ordensstand zu begeistern. Er sprach sehr viel zum Lobe des Benediktinerordens, danach rühmte er über die Maßen die Abtei Laach und ihren Abt. Aber alle Mühe schien bei den Schülern vergebens, denn die Lektionen waren bereits im Gange und die Zuhörer bei ihren neuen Lehrern fest eingeschrieben. Man hatte sich schon in das Pensum der neuen Klasse eingearbeitet und an die neuen Lehrer das Schulgeld für das Semester entrichtet, und jedem schien es schimpflich und unschicklich, dies vom Rektor und vom Professor zurückzuverlangen. Dazu kam noch, daß jeder schon für Kost und Herberge gesorgt hatte und dies nicht gern vor der Zeit im Stich lassen wollte. Überdies war es gerade eine sehr unbequeme Zeit zum Reisen; es herrschte nämlich eine große Kälte, die jeden zurückschreckte. Da hätte wohl jeder ausrufen können:

Kaum ist die Hülle der Kleidung dem Menschen ein Schutz vor der Kälte, Hält doch ein eisig Gestirn alles im Froste gebannt.

Fünfzehntes Kapitel

Wie Johannes für das Kloster Laach gewonnen wurde

Eingenommen wie ich für den Orden war, dem ich mich schon längst anverlobt hatte, fing ich zu dieser Zeit an, einen meiner Mitschüler, der, wenn alle acht Klassen zusammen waren, neben mir saß, zur Mitreise zu überreden, indem ich ihm das Klosterleben, wie ich es kannte, schilderte. Daraufhin zeigte er sich meinem Wunsche geneigt und gelobte, sofern sich noch andere fänden, mitzuziehen. Er war noch ein junger Mensch, aus der Stadt Speyer gebürtig. Von einem Schulmeister in Heidelberg war er nach Deventer geschickt und dem Rektor des Gymnasiums besonders empfohlen worden. Dieser hatte ihn zusammen mit einem Ankömmling aus Kitzingen namens Paul examiniert und beide so gründlich unterrichtet gefunden, daß er sie, was nur selten vorkommt, sofort in die dritte Klasse aufnahm. Dieser Paul war nach einem halben Jahr der Erste in seiner Klasse geworden und infolge seiner stets treffenden Antworten bei der Prüfung mit größtem Lob zur zweiten Klasse aufgestiegen. Er hatte sogar öfter den Mut, mit Bartholomäus zu disputieren, der sein Talent sehr bewunderte. Uns echten Franken machte er viel Ehre, zumal er unter allen Schülern der vorzüglichste war.39 Sein vorerwähnter Kamerad und Mitschüler, der Peter hieß, meldete sich tatsächlich beim Pater zum Eintritt in den Orden. Auf dessen Anraten kam er zu mir und bat mich inständig, mit ihm zu reisen. Dem suchte ich auf alle Weise zu entgehen. Ich sagte ihm, daß ich ja schon eine sichere Stelle im Rheingau oder, wenn ich es möchte, in dem berühmten Kloster Amorbach nahe meiner Vaterstadt habe, das ebenfalls zu unserem Orden, wenn auch nicht zu unserer Union gehörte. Er aber drang immer mehr in mich und ließ so lange nicht nach mit seinen ungestümen Bitten, bis er mich endlich dahin gebracht hatte, den ehrwürdigen Pater zumindest einmal zu besuchen.

❡ Dieser erreichte durch eine Fülle frommer Worte schnell, daß ich ihm, oder vielmehr Gott, der es so fügte, zu Willen war. An allen Orten, versicherte er, sei es ja der gleiche Dienst Gottes, zumal doch überall dem einen Gott gedient werde. So wurde ich denn von dem geworben, den ich eben selber noch durch mein Zureden zu werben bemüht gewesen. Nachdem ich einmal meine Zustimmung gegeben hatte, traf ich ohne weiteres Schwanken und Zögern, wodurch sonst so mancher seinen Vorsätzen untreu wird, heiter und frohgemut meine Vorbereitungen zur Reise.

Sechzehntes Kapitel

Abschied von Deventer

Nunmehr hätte der Pater, wenn er nur gewollt, noch mehr und weit geeignetere Persönlichkeiten als mich haben können. Sie hatten infolge unseres Entschlusses auch Lust bekommen, ein Umstand, den ich nicht zu nennen brauche, hielt sie jedoch ab. „Nichts ist ohne Ursache“, sagt der Philosoph, und was für eine Ursache hier zugrunde lag, darüber mich auszusprechen ist nicht meine Sache. Doch das muß ich sagen, der Pater gab sich sehr viel Mühe, um mich und meinen Kameraden und noch andere unseresgleichen zu bekommen. Beiden hatte ich freilich bei ihrem Zureden allerlei Entschuldigungen entgegengesetzt. Indes konnte ich doch nicht mit ansehen, daß alles Bemühen des Mannes und alle seine fromme Beredsamkeit vergebens sein sollten. Schon wegen der Ehre unseres Ordens, die der Pater ebenso eifrig zu mehren bestrebt war wie die seines eigenen, des Augustinerordens, durfte ich es nicht zulassen, daß er die Stadt verließ, ohne etwas in der Sache ausgerichtet zu haben, die ihm sowohl von unserem Abt als auch von seinem ehrwürdigen Oberen so eindringlich ans Herz gelegt worden war.

❡ Ich verabschiedete mich von den Professoren, in deren Klassen ich gewesen war. Nachdem ich mich dann auch vom Rektor hatte beurlauben lassen, sagte ich noch meinen Wohltätern Lebewohl. Diese freuten sich nicht wenig über meinen Entschluß und gaben mir zum Andenken Geschenke, die ich durch kleine Gegengaben erwiderte. Es war der Tag der heiligen Barbara (4. Dezember), als ich die lobenswerte Stadt Deventer verließ. Als ich und mein Kamerad uns mit dem Pater und seinem Begleiter, der aus Deventer gebürtig war, auf den Weg machten, gab uns eine Schar von Schülern, zahlreich wie ein Bienenschwarm, das Geleit.40 Ich sagte ihnen noch, sie sollten es ebenso machen wie ich, und reichte ihnen die Hand zum Abschied.

❡ Ohne Reiseabenteuer kamen wir zu der zwei Meilen entfernten Geldernschen Stadt Zütphen. Einerseits war ich voll Freude, weil ich zu Gottes langersehntem Dienst berufen worden war und nun gleichsam aus einem Jammertal erlöst wurde; andererseits war mein Gemüt von den süßen Abschiedsworten meiner Wohltäter und Freunde weich und traurig gestimmt. Überhaupt bin ich nie gern von einem Ort weggegangen, in dem ich einigermaßen heimisch und vertraut geworden war, sondern immer voller Trauer41.

Siebzehntes Kapitel

Wie Johannes über Emmerich, Kalkar und Mörs nach Neuß kam

Von Zütphen wanderten wir am nächsten Tag weiter und gelangten mäßigen Schrittes zu einem Städtchen, das ’s Heerenberg heißt. Von dort kamen wir zu der nur eine halbe Meile entfernten Kleveschen Stadt Emmerich, berühmt durch ihre Schule und ihren Reichtum. Bei den Ordensbrüdern fanden wir liebevolle Aufnahme und wurden — es war gerade Sonntag und das Fest des heiligen Nikolaus (6. Dezember) — nach dem Gottesdienst freundlich bewirtet. Dort sah ich auch, wenn ich mich recht erinnere, unseren Jakob Siberti42 mit einem hinkenden Fuß.

❡ Unter den Segenswünschen der Brüder brachen wir auf und überschritten mit großer Furcht den Rhein. Der Strom war zugefroren und die Eisdecke so dick und fest, daß die Anwohner ohne Bedenken sogar mit den schwersten Lastwagen hinüberfuhren. Da die Sonne sich dem Untergang zuneigte, beschleunigten wir unsere Schritte, um noch die Stadt Kalkar zu erreichen. Doch meine Reisegefährten wurden müde. Es ging nur langsam vorwärts, und wir mußten unterwegs in ein Kloster einkehren, das unweit der Straße lag. Ein Laienbruder nahm uns freundlich auf und bewirtete uns. Das Kloster war vom Orden der heiligen Birgitta und von Personen beiderlei Geschlechts bewohnt, von denen, wie man versicherte, nie jemand ausgehen darf. Auch sollen die Wohnräume von denen der Schwestern so getrennt sein, daß sie nie einander sehen können. Der Begleiter unseres Führers hatte in dem Kloster eine Verwandte und hätte sie gern gesprochen; dies wurde ihm aber nicht gestattet.43

❡ Am anderen Morgen brachen wir in aller Frühe auf, um am selben Tag noch die Stadt Rheinberg zu erreichen, wo das Kölner Bistum endet oder, genauer gesagt, anfängt. Wir wurden jedoch wieder durch die Schwäche des etwas kränklichen Kameraden aufgehalten und mußten in einem Dorf nahe dem Flecken Mörs auf Stroh übernachten. Tags darauf gelangten wir schon in aller Frühe in das Städtchen Uerdingen, und die Patres erhielten trotz ihrer dringenden Bitten von dem Ortspfarrer nicht die Erlaubnis, die heilige Messe lesen zu dürfen. Es war gerade das Fest der glorreichen und unbefleckten Jungfrau Maria (8. Dezember), von der die Kirche den frommen und festen Glauben hat, daß sie ohne die Erbsünde empfangen hat; etliche teilen diesen frommen Glauben jedoch nicht.

... Selber mögen die sehn; Was das Gesetz hier gebeut und das Recht, die Vernunft und der Glaube.

❡ Nachdem wir uns in der heiligen Messe geistlich und danach in der Herberge auch leiblich gestärkt hatten, erreichten wir infolge der Ermüdung des Kameraden mit vieler Mühe am Abend die Stadt Neuß, die berühmt ist durch die Reliquien des heiligen Märtyrers Quirinus und durch die Belagerung Karls, des kriegerischen Herzogs von Burgund44. Hier kehrten wir ein in dem Kloster unseres Ordens, das vor den Toren nach Köln zu liegt, wo wir freundlich aufgenommen und liebevoll bewirtet wurden. In diesem Kloster findet, so sagt man, keiner Aufnahme, der Peter heißt. Den Grund dafür konnte ich weder damals erfahren noch bis heute erraten; es sei denn, daß sie die so Benannten für wunderlichen Sinnes hielten. Sie gaben uns denn auch zu verstehen, daß ihnen vormals die Peter gar viel Arbeit, Verwirrung und Verdruß bereitet hätten.

❡ Was auch der Grund gewesen sein mag, feststeht, daß unsere Führer, die Patres, uns versicherten, es sei wahr, daß die dortigen Mönche keinen mit Namen Peter in ihren Konvent aufnähmen. Es schien mir eine sonderbare Einbildung, eine närrische Meinung, das auf die Rechnung eines Mannes zu setzen, was Natur oder schlimme Anlage oder böse Gewohnheit verschuldet hat. Und warum sollen mehrere dafür büßen, was vielleicht einer verbrochen hat? Wenn ein Peter wegen unrühmlichen Wandels ein schlechtes Andenken bei ihnen hinterließ, darf man darum alle Leute dieses Namens im Verdacht haben, als würden sie es machen wie jener, schwer umgänglich und eine Last für die Versammlung werden? Ganz sicher nicht, gibt es doch sehr viele dieses Namens, wie zum Beispiel unser Bruder, der Leutpriester in Kruft, die mir als ausgezeichnete Meister der Sanftmut, Freundlichkeit und Ruhe bekannt sind und mit denen man gern zu tun hat.

❡ Ferner, wenn jene abergläubische Meinung richtig wäre, hätte ich besonders Gelegenheit gehabt, dies bei jenem Leutpriester zu erfahren, der obendrein mein Novizenmeister war. Und doch war er - ich sage dies fern von aller Schmeichelei — so sanft und so von Herzen gut, daß ich, obwohl ich sein Schüler war, nie etwas von Bitterkeit und Galle an ihm bemerkte. Vielmehr besitzt er eine überaus große Freundlichkeit und Zuvorkommenheit und einen so liebenswürdigen Charakter, daß es eine Freude ist, mit ihm umzugehen; auch ist er voll Mitgefühl für das Elend seiner Mitmenschen. Alle diese lobenswerten Eigenschaften waren mir in den Versuchungen des Noviziates ein rechter Trost und eine große Stütze, so daß ich den Anfechtungen nicht nachgab und meinem Berufe treu blieb. Ja, wenn er wirklich gemäß jenem wunderlichen Vorurteil gegen den Namen Peter eine solche Starrköpfigkeit gehabt und mich danach behandelt hätte, würde ich nimmermehr zu Laach Profession getan haben.

❡ Nicht an dem Namen also liegt es, sondern an der Natur, und es ist ein Mangel und Fehler des Charakters, wenn jemand, der zufällig Peter heißt, ein ungenießbarer Mensch ist. Denn es gibt so manchen Peter, der sanften, milden, verträglichen, stillen, ruhigen, friedfertigen, demütigen, liebevollen, mit einem Wort zu sagen, guten Charakters ist.

Achtzehntes Kapitel

Weitere Argumente zur Verteidigung der Peter

So wie jemand wegen eines anderen Namens von einem Orden nicht zurückgewiesen werden soll, ebensowenig darf dies wegen des Namens Peter geschehen. Wir haben zum Beispiel noch einen anderen Peter, an Rang und Alter dem genannten nachstehend; er ist mein Schüler und heißt Peter von Münstermaifeld. Würde ich an diesem Unverträglichkeit und Eigensinn, wie man so etwas gern einem Peter nachsagt, verspürt haben, so hätte ich ihn sicherlich nicht durch das Noviziat bis zur Profession kommen lassen. Denn es kann in klösterlichen Gemeinschaften nichts Beschwerlicheres und Lästigeres geben als einen starrköpfigen, eigensinnigen und hartnäckigen Mönch; ein solcher ist ganz unerträglich, sich selber und den anderen eine schwere Bürde. Nun kommt aber häufig folgendes vor: Ist einmal solch einer in einem Konvent gewesen, so ist man dadurch dermaßen abgeschreckt, daß man danach nicht so bald andere Bewerber desselben Namens oder aus demselben Ort annehmen will. Wehe denen, die im Orden sich so betragen! Wehe ihnen, wenn sie schuld sind, daß andere, bessere Leute aus ihrer Heimat abgewiesen werden, wie wir es oft erfahren haben! Freilich haben verschiedene Orte ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Jede Gegend bringt gleichartige Früchte hervor, aber in manchen Orten eignen sich die Leute für das Ordensleben mehr, wie es auch Familien oder Geschlechter gibt, deren Angehörige von Natur aus tugendhafter sind als andere. Dies ist offenkundig.

❡ Du weißt ja, mein lieber Philipp, daß ich unlängst vier Schüler hatte: der eine war Johann von Münstermaifeld; der andere ein elsässischer Adliger und Bakkalaureus mit Namen Heribert von Köln, ohne daß er jedoch aus dieser Stadt gebürtig war; der dritte Christian von Neuß, von dem noch zwei Brüder in unserem Orden sind; der vierte hieß Peter. Von all den vieren hielt in der Probezeit des Noviziats es keiner bis zur Profession aus, allein der Peter. Demnach müßte man eher jene, die nicht Peter heißen, für starrköpfig halten als meinen Peter, der so wacker aushielt. Gott gebe, daß er gemäß jener Meinung, die manche von diesem Namen haben, nicht später noch anfängt zu „petern“, wie man so sagt. In diesen meinen Schüler, den ich als einzigen von allen das Glück hatte zu behalten, setze ich nicht geringe Hoffnung für die Zukunft. Ich hoffe, daß er nicht jenen nachartet, die anfangs sich gut halten, danach aber, wenn sie meinen, im Orden etwas zu sein, sich sogar gegen diejenigen aufzulehnen und zu rebellieren wagen, die im Orden ihre Lehrer waren. Die sich so verhalten, tun dem Mönchsstand keine Ehre an und verdienen alle Schande. So werden aber nachher meistens die, welche während des Noviziates mit der Klugheit und List des Fuchses vor ihrem Meister die Augendiener spielen, während sie bei anderen in den Winkeln insgeheim über ihn herziehen. Diese scheinen mir eher einen Peterskopf zu haben, mögen sie nun Hans oder Jakob heißen.

Neunzehntes Kapitel

Wie die Reisenden in Köln Ruhetag hielten und über Bonn und Andernach zum Kloster auf Niederwerth kamen

Da ich jene abergläubische Meinung vom Namen Peter im Kloster Neuß zuerst kennenlernte, wollte ich bei dieser Gelegenheit Vorstehendes, wenngleich an ungeeigneter Stelle, zum Schutz unserer beiden Brüder, die Peter heißen, hierher setzen, denn es geziemt sich, daß ich diese allemal lobe. Den muß man mit Recht einen schlimmen Meister schimpfen, der seine Schüler bei anderen schlechtmacht; wie man umgekehrt den für einen schlechten Schüler erachten muß, der seinen Lehrer vor anderen heruntersetzt, statt diesem, wie es seine Pflicht wäre, die schuldige Ehre zu erweisen. Das also war es, was wir zugunsten des Namens Peter, den übrigens auch der Apostelfürst trug, hier einflechten wollten. Es soll sowohl zum Lobe meines ehemaligen Lehrers, des jetzigen Leutpriesters in Kruft, als auch zur Ehre meines jetzigen Schülers, Peter von Münster, der ehemals in Deventer mein Mitschüler war, gesagt sein.

❡ Am anderen Morgen (9. Dezember) brachen wir sehr früh vom erwähnten Kloster nach Köln auf. Allein, wir waren kaum eine halbe Meile marschiert, da mußten wir unsere beiden Führer vorausgehen lassen. Mit meinem Gefährten, der ein Übel an den Fingern bekommen hatte, das man den Wurm nennt und dessen brennenden Schmerz ich früher ebenfalls kennengelernt hatte, blieb ich einen Tag und eine Nacht in einem Dorf zurück. Da wegen seiner Unruhe und seines unaufhörlichen Plauderns an Schlafen nicht zu denken war, standen wir um Mitternacht auf, mieteten uns für einen halben Gulden einen Wagen und fuhren nach Köln.

❡ Wir kamen an, gerade als die Tore geöffnet wurden. In einem Kloster, das „Fronleichnam des Herrn“ heißt, fanden wir die Patres, die uns erwarteten. Wir blieben jedoch nicht lange, sondern gingen zu einer reichen Witwe, deren Sohn kurz zuvor auf der Insel der Brüder verstorben war. Sie wohnte hinter St. Martin, wo vor nicht langer Zeit, nach einem gar frommen Leben, das er mit Eifer dem Wohle des Ordens gewidmet hatte, der Abt Adam45 im Herrn entschlafen war. Zwei Jahre vorher, als ich nach Deventer reiste, hatte ich ihn noch gesehen; damals bekleidete er die Abtswürde schon vierzig Jahre. Zwei Tage und zwei Nächte blieben wir mit unseren Patres in dem genannten Hause, wo wir freundlich aufgenommen wurden. Der Ökonom hatte nämlich in der Stadt verschiedenes für sein Kloster zu ordnen, was er mit Fleiß erledigte. Wir hingegen kauften uns etliche Schilder46 als Zierde für die Zellen, die wir in Laach bekommen sollten. Auch besuchten wir andächtig die Kirchen der Heiligen, nicht ohne von den Studenten geplagt zu werden, die mit Fingern auf uns wiesen sowie hinter uns ihren Spott und ihr Hallo trieben, wie es ihre törichte Ausgelassenheit mit sich brachte.

❡ Nach zweitägiger Rast reisten wir weiter nach Bonn, von wo wir am anderen Tag bis Andernach kamen. Den dritten Tag langten wir tief in der Nacht todmüde auf der Insel im Kloster unserer Patres an. Der Prior des Klosters, Adam von der Leyen, ein Oheim unseres Herrn zu Laach, ein hochbetagter Greis, der schon sechzig Jahre im Kloster war, kam uns mit freundlichen Glückwünschen entgegen und nahm uns liebevoll und gütig auf, so wie es seine Art ist.

❡ Zwei Tage ließ er uns aufs beste versorgen und wußte überdies, die Liebe und Begeisterung für den Ordensberuf in uns noch weiter zu entfachen. Die ehrwürdige Erscheinung und das Auftreten des Mannes gefiel uns sehr; da war nichts von jenem Adelsstolz, den sonst meist Herrn von so hoher Geburt zur Schau tragen, um nicht geringem Volk und Bauern gleichgeachtet zu werden. Nichts Prahlerisches in seinen Worten, nichts Besonderes und Ausgesuchtes in Kleidung und Nahrung, nichts, was er seinen Mitbrüdern voraushaben wollte. Nach dem Abendessen ließ er es sich trotz unseres Sträubens nicht nehmen, uns die Füße zu waschen. Am Tage führte er uns durch die verschiedenen Räume des Klosters, auch durch die Arbeitskammern der Brüder und erklärte uns mit größter Freundlichkeit die einzelnen Beschäftigungen der Brüder, als wären wir seinesgleichen. Bei allen steht er darum im Ruf der Heiligkeit, und sowohl vom letztverstorbenen Bischof von Trier47 als auch vom Volk und der Geistlichkeit wurde er häufig heiliger Mann genannt. So lebt er auch noch heute fromm und glücklich, nachdem er sein Amt des hohen Alters wegen niederlegte und nun schon vierundsechzig Jahre im Orden ist.

Zwanzigstes Kapitel

Wie die Reise weiter über Koblenz und Bassenheim nach Saffıg ging

Die freundlichen Worte und das liebenswürdige Wesen jenes frommen und guten Paters begeisterten uns noch mehr für den Klosterberuf, deshalb baten wir am dritten Tag nach unserer Ankunft um die Erlaubnis, mit unserem Führer weiterziehen zu dürfen. In etwa hatte der Pater uns schon mit den Vorteilen und den Beschwerden des Ordensstandes sowie mit den Anfechtungen und Versuchungen vertraut gemacht, die allen, die Gott dienen wollen, beim Antritt dieses Berufes von seiten des bösen Feindes bereitet werden, um sie von ihrem Vorhaben abzubtingen.

❡ Der Pater ordnete also an, daß uns der Schaffner48 nach Laach geleiten soll. Wir machten uns (am 17. Dezember 1500) mit diesem auf den Weg und setzten nach Koblenz über. Hier kehrte der Schaffner mit mir wegen allerlei Geschäften ein, die er in der Stadt zu erledigen hatte. Um ungehinderter umhergehen zu können, ließen wir meinen Kameraden mit einem Laienbruder vorausgehen. Wir würden nachkommen.

❡ Als wir alle unsere Geschäfte abgewickelt hatten und nach Tisch mit munteren Schritten den Brüdern folgten, fanden wir sie gar nicht weit von der Stadt, jenseits der Moselbrücke, während wir gedacht hatten, sie seien schon in Saffıg und warten auf uns. Sie hatten vom frühen Morgen an in einer vornehmen Herberge gegessen und alles Geld, das mein Kamerad in der Tasche hatte, bis auf den letzten Heller verpraßt. Da er meinte, kein Geld mehr nötig zu haben, hatte er die kostbarsten Weine und feinsten Speisen auffahren lassen. Auf diese Weise waren sie sehr lustig geworden. Als wir sie einholten, waren Zunge und Gang der Brüder so ins Schwanken gekommen, daß sie sich kaum noch auf den Füßen halten oder uns Rede und Antwort stehen konnten. Du kannst Dir vorstellen, daß wir bei diesem Anblick nicht wenig entrüstet waren, ich über meinen Kameraden, der Schaffner über den Bruder, weil dieser, ein Trunkenbold, den jungen Menschen dazu verführt hatte. Der Kamerad hatte auch etliche Weißpfennige von mir in Verwahrung gehabt, die ich ihm in Köln wegen der Schilder gegeben hatte. Sie und all das andere Geld hatten die beiden an diesem Tag verpraßt und verzecht. Würde ich von Laach wieder fortgehen wollen, könnte er mir mein Geld gar nicht zurückgeben.

❡ Wirklich, ich war immer noch im Zweifel, ob ich dableiben sollte oder ob ich wohl aufgenommen würde. Mein Herz hing immer noch an dem Ort, von dem ich weggegangen war. Auf dem ganzen Weg von Deventer bis Koblenz hatte mir der Gedanke keine Ruhe gelassen, ich sollte, in Koblenz angekommen, meinen Kameraden verlassen und weiter den Rhein hinaufwandern und nicht für immer so tief in Niederdeutschland bleiben. Ich hielt dies aber für eine Einflüsterung des Teufels und schlug es mir aus dem Sinn. So gingen wir denn nach Laach. Auf dem Wege dahin habe ich so große Mühseligkeit, Widerwärtigkeit und Niedergeschlagenheit im Gemüt auszuhalten gehabt, wie ich sie auf der ganzen, so beschwerlichen Reise von Deventer herauf nicht erfahren hatte. Denn infolge des Regenwetters, das während unserer Rasttage auf der Insel eingesetzt hatte, war die ganze Koblenzer Straße, besonders diesseits und jenseits des Dorfes Bassenheim, so schlüpfrig, aufgeweicht und schmutzig geworden, daß es mir sehr beschwerlich und leid wurde. Nach einem höchst mühseligen Marsch kamen wir schließlich bei einbrechender Dunkelheit in Saffıg an, wo uns der Ökonom in das Haus des hochedlen Herrn Georg von der Leyen führte, der ein Bruder des schon erwähnten gottseligen Paters ist.

Einundzwanzigstes Kapitel

Wie Johannes nach Laach kam und glücklich die Probezeit bestand

Der Pater ging vor und sagte dem Herrn und seiner ehrsamen Hausfrau, einer hochedlen Matrone, was wir vorhätten und woher wir seien. Sie wünschten uns Glück zu unserem Vorhaben und ließen uns eintreten. Freundlich, wie sie waren, nahmen sie uns auf und ließen uns aufmerksam und gut bewirten; es war aber schon Abstinenzzeit. Es freute und tröstete uns sehr, sie von ihrem Sohn, unserem künftigen Abt, erzählen zu hören; wie er die ihm untergebenen Brüder gütig, wohlwollend, liebevoll und freundlich behandele und wie er ihnen gut sei.

❡ Am anderen Tag redeten sie uns noch einmal zu, auf unserem guten Vorsatz zu beharren. Mit freudigem Herzen schieden wir von dannen und machten uns auf den Weg zu unserem Kloster in Laach, und ich meinte, kaum jemals ein Kloster gesehen zu haben, das diesem gleichkäme.

❡ Es war am 18. Dezember, als wir hier ankamen; die Brüder waren eben bei Tisch. Wir traten ein und gingen mit unserem Führer zuerst in die Kirche, wo ich sprach: „Haec requies mea in saeculum saeculi: Hic habitabo, quoniam elegi eam“, was verdolmetscht heißt: „Das sei nun meine Ruhstatt für und für: Hier will ich wohnen, weil ich es mir erkoren.“

❡ Als unser Führer das hörte, wurde er fröhlichen Mutes und antwortete mit einem Amen. Er ermahnte meinen Kameraden, er möge ein Gleiches antworten. Dieser hatte nämlich noch nichts gesagt, sondern war vielmehr über den Spruch und, weil ich auf dem glatten Estrich, der von der Pforte zur Kirche führte, ausgeglitten und hingefallen war, in ein unmäßiges Lachen ausgebrochen. Vor lauter Gelächter konnte er kein einziges Wort hervorbringen. Unterwegs, als er hingefallen war, hatte ich nämlich öfter über ihn gelacht. Deshalb hatte er mir gewünscht, ich möge auch einmal fallen, auf daß er mich ebenfalls auslachen könne. Nachdem mir das nun geschehen war, obwohl ich mich doch gegen das Fallen sicher wähnte, schien ihm dies eine wunderbare Fröhlichkeit zu bereiten. Übrigens kam mir später nach seinem Weggang dieses Fallen, vor dem ich auf dem weiten, schmutzigen und schlüpfrigen Wege bewahrt geblieben war, wie eine Vorbedeutung für mein Verbleiben und seine Unbeständigkeit vor.

❡ Nun wurden wir aufgenommen und zum Konvent zugelassen. Nachdem uns die Kapuze umgetan worden, hatten wir unsere erste Probezeit durchzumachen, die bis zum Fest unseres heiligen Vaters Benedikt (21. März) dauerte. Danach wurden wir in das Noviziat aufgenommen. Da es hier mit der Prüfung etwas schärfer genommen wurde, obwohl der Prior unseres jugendlichen Alters wegen manches milderte, wurde es meinem Gefährten dennoch verleidet. Obgleich ihm alle widerrieten und auch ich ihm Gegenvorstellungen machte, unterlag er seiner Unbeständigkeit, zog den Habit aus, verließ mich, der ich ihm doch nachgefolgt war, und ging zu seinem Volk und in seine Heimat, die er als richtiger Oberländer dem hiesigen niederdeutschen Land und seinen Leuten immer vorgezogen hatte. Ich dagegen, überzeugt davon, daß das Gewissen der Abtrünnigen gewöhnlich mit viel Unruhe geplagt wird, meinte, es sei, wenn man ausharren will, unbedingt notwendig, auf Versuchungen gefaßt zu sein und festzustehen in der Furcht Gottes, die ja, wie man liest, der Weisheit Anfang ist.

❡ Wie ich hörte, verließ mein Gefährte nicht lange nach seinem Austritt aus dem Kloster Laach, von seinem Gewissen geängstigt, die Welt wieder und trat im Kloster Schönau bei Worms in den Orden des heiligen Bernhard ein.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wie es Johannes in der ersten Zeit zu Laach ergangen ist

Ich komme auf unsere Ankunft in Laach zurück: Nachdem wir die Kirche besucht hatten, kam uns der Bruder Kellner, den man aus dem Refektorium49 gerufen hatte, gar liebenswürdig, heiter und gütig entgegen, führte uns herein und ließ sogleich den Tisch decken; und da wir noch nüchtern waren, sorgte er dafür, daß wir mit einem reichlichen Mahl erquickt wurden.

❡ Als die Mahlzeit vorüber war, fand der hochwürdige Herr Abt sich ein. Obwohl er uns bis dahin unbekannt gewesen, vermutete ich wegen der Feinheit seiner Erscheinung, wegen seines würdevollen Auftretens und Redens, wegen des Adels, der gleichsam wie Edelgestein von seiner Stirn zu leuchten schien, sofort den Prälaten. Wir standen vor ihm auf, und er empfing uns nach seiner Weise mit Wohlwollen. In dem folgenden Gespräch erkundigte er sich, wer und woher wir seien und wie es mit unserem Vorhaben und unserer Tauglichkeit bestellt sei. Danach führte er, vom Prior begleitet, uns in den Räumen des Konvents umher. Den Prior sahen wir, weil er klein von Gestalt war, bis zum Weggang des Schaffners am dritten Tag nach unserer Ankunft gar nicht für den Prior an, obwohl er Tag und Nacht emsig um uns bemüht war und ganz vertraut mit uns tat.

❡ Bei unserem Rundgang fanden wir hinter dem Kloster die Brüder mit der Wäsche beschäftigt. Wie gewöhnlich waren alle hocherfreut über unser Kommen und Vorhaben. Sie musterten uns von Kopf bis Fuß: Teils meinten sie, wir würden beharrlich bleiben, teils fürchteten sie, wir würden es nicht. Nach drei Tagen, während der uns im Fremdenhaus freundlich und gut aufgewartet wurde, legte uns der Prior die Frage vor, ob wir auf unserem Wunsche, in den Orden einzutreten, beharrten. Da wir die Frage bejahten, stellte er meinem Kameraden und mir mit beredtem Munde den Ernst und die Strenge des Ordens, seine verschiedenen Gebräuche, Übungen und Satzungen sowie die Gewohnheiten des Hauses vor. Er wies auch hin auf die Verleugnung des eigenen Willens bei allen Dingen, die gefordert würden, sowie auf anderes dieser Art, was mir von meinem Aufenthalt im Kloster Johannisberg her schon bekannt, meinem Gefährten aber hart in den Ohren klang und noch viel härter von ihm zu befolgen war, wie der Ausgang der Sache später zeigte.

❡ Weil der Prior nun meinte, wir würden all das beobachten und befolgen, führte er uns in den Konvent der Brüder, wo wir sahen, daß jeder seine eigene Zelle hatte, und wo jedem von uns eine der leerstehenden zugewiesen wurde. Nun war mir, als sei ich im Paradies; so glücklich fühlte ich mich. Für solch große Wohltat, nach der ich so lange mich gesehnt hatte, lobte und pries ich Gott in stiller Herzensandacht.

❡ Doch das sollte nicht lange währen. Allmählich erhoben sich die Stürme der Versuchungen, machten mich traurig und verwirrt und suchten mich, meines Vorhabens leid zu machen. Zunächst hatte in meiner Umgebung und in meinem Stand noch alles für mich den Reiz der Neuheit. So groß meine Freude über die Aufnahme in den Orden gewesen war, so verging mir später bei eintretenden Widerwärtigkeiten diese Freude über meine Flucht aus Ägypten und über den Wechsel des Kleides und des Lebens vollkommen und schien sich in Reue darüber zu verwandeln, daß ich solch ein Vorhaben begonnen hatte. Häufiger, als einer glauben mag, stellte mir nämlich der Teufel nach, um mich von dem angefangenen Dienst Gottes ab und wieder zurück in die Welt zu bringen. Unaufhörlich legte er mir Fallstricke und verfolgte mich mit seinen trügerischen Einflüsterungen und Vorspiegelungen, mal bitterer, dann wieder süß verlockender Art: Bald raunte er mir zu, wieviel Widriges ich im Orden ausstehen müßte, wenn ich dabliebe; bald verhieß er mir Glück und Freude und alle Güter der Erde, wenn ich der Welt mich wieder zuwenden würde. Wäre mir solcher Satanstrug nicht aus Erfahrung bekannt gewesen, ich fürchte, ich hätte mich wie mein Gefährte von ihm berücken lassen. Überaus traurig wurde ich, als dieser abtrünnig wurde, das Kloster verließ und ich allein zurückblieb. War ich vorher schon schwankend gewesen, meinte ich jetzt, ich müßte unbedingt auch fort. Ich hätte es auch sicher nicht ausgehalten und würde dem Orden untreu geworden, hätte der Schaffner, der mit uns gekommen war, mich nicht gehalten. Als er hörte, daß der andere ausgetreten sei, kam er, wie ich meine, auf göttliches Geheiß, herüber und tröstete mich. Desgleichen versahen mich der Prior und mein Meister mit tröstlichem Zuspruch; etliche andere Brüder, die mir besonders geneigt waren und denen meine Trauer und Anfechtung zu Herzen gingen, halfen mir mit liebreichen Reden und frommen Gebeten.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Wie Johannes seine Profession tat. Vom Leben der Mönche zu Laach und von der Pracht ihres Klosters

Noch immer war ich sehr betrübt über den beklagenswerten Austritt meines Gefährten. Auch bemühte sich seitdem der schlaue Versucher noch mehr, mich aus dem Kloster hinauszudrängen, wie es ihm bei jenem ja gelungen war. So verfolgte er mich unablässig mit dem Gedanken, nach seinem und nicht nach Gottes Willen hätte ich gehandelt, als ich hier und nicht in das mir vorbestimmte Kloster im Rheingau eingetreten sei. Seine Verschlagenheit aber kannte ich noch von früher, als ich dreimal das Kleid der Laienbrüder abgelegt hatte, und wußte daher aus Erfahrung, wie unerträglich beschämend so etwas ist. In meine Überlegungen bezog ich aber auch das Wohlwollen des guten Prälaten und der lieben Mitbrüder mir gegenüber ein sowie die Schönheit des Klosters, vor allem jedoch Gottes große Barmherzigkeit und Gnade gegen einen so unwürdigen Menschen wie mich. Und so entschloß ich mich auf das Zureden der Vorgesetzten und Brüder hin, schließlich doch zu bleiben. Von nun an hielt ich aus in männlicher Geduld. Obwohl müde vom Kampf, wich und wankte ich nicht, und so hatte ich dann endlich mit Gottes Hilfe das Glück, allein zur Profession zu gelangen und in diese heilige Genossenschaft von Laach aufgenommen zu werden, sowenig ich dieser Gnade auch würdig war.

❡ Oder scheint Dir das keine heilige Genossenschaft zu sein, die der Strenge der Ordensregel gemäß lebt, die Satzungen und Vorschriften der Väter gewissenhaft einhält, wo die Brüder nicht bloß dem Prälaten und Prior pünktlich und freudig gehorchen, sondern auch einander in gegenseitiger Liebe unterworfen sind und - durch das Band des Friedens verbunden - unablässig dem Herrn dienen? Oder nennt man dies nicht mit Recht eine heilige Versammlung, der ein Abt vorsteht von so großer Klugheit, solchem Adel und von einem so exemplarischen Wandel (der allein mehr Wert ist als der höchste Adel), ein Abt, sage ich, der durch ein genau nach der Regel eingerichtetes Leben sich seines Namens würdig erweist, der seine ihm anvertraute Herde leitet, ohne Ansehen der Person, nur auf ihren Nutzen bedacht, und von aller Herrschsucht fern ist? So groß ist seine Tugend, daß von ihm als dem Haupt alle seine Glieder gleichsam höhere Gesundheit und die Kraft der Seelen empfangen, wie man denn auch vielfach sehen kann, daß seine Vollkommenheit auf die Untergebenen überströmt und sich ihnen mitteilt. So ist er allen gegenüber zugänglich und ihnen herzlich und väterlich zugetan. Keine andere Sorge scheint er zu kennen als das Heil seiner Kinder und die Ehre Gottes. Kann man es in der Tat nicht eine heilige Genossenschaft nennen, der es vergönnt ist, unter solch einem Abt in Gottes Dienst zu stehen?

❡ Glückliche Brüder fürwahr, von denen der eine durch sein Stillschweigen, der andere durch seine Lehrtätigkeit, dieser durch kunstvolles Schreiben, jener durch gelehrtes Diktieren, einer durch die Kunst des Gesanges, ein anderer durch die Ruhe der Betrachtung, der durch das Licht der Wissenschaft, jener durch seinen Fleiß im Lesen, ein anderer wieder durch sein unablässiges Gebet hervorstrahlt! Ein weiterer zeichnet sich durch gewissenhaften Gehorsam aus, ein anderer macht sich dem Konvent nützlich, indem er fleißig dem ihm aufgetragenen Geschäft nachgeht, ein dritter freut sich der Einsamkeit seiner Zelle und verlangt nicht mehr, außerhalb des Klosters zu verweilen. Der eine versteht es wunderbar, Bücher abzuschreiben, während ein anderer das Geschriebene sorgsam korrigiert und verbessert. Den einen ziert eine tiefe Demut, den anderen eine vorzügliche Liebe. Der ist ausdauernd in der Geduld, jener liebenswürdig wegen seiner Bescheidenheit und Sanftmut. Diesen ehrt seine strenge Enthaltsamkeit, jener zieht an durch sein freundliches Wesen. Einer ist hervorragend durch Wachsamkeit, Nächstenliebe und Gottseligkeit, ein anderer durch fein unterscheidenden Geist und durch die Gabe klugen Rates. Dieser steht im höchsten Greisenalter, der andere in blühender Jugend. So ist der eine mit diesem, der andere mit jenem Vorzug geschmückt.

❡ Wem sollte, wenn er sein Kloster mit den verschiedensten Tugenden, zahllosen Blumen gleich, geziert sieht, dies nicht vorkommen wie ein Paradies auf Erden, darin irdische Engel, geschmückt mit den Gaben des heiligen Geistes, wandeln und wohnen? Wen, frage ich, sollte ein solches Haus nicht entzücken und wie ein Magnet anziehen? O glücklich, überglücklich das Kloster, um es nicht, was eher der Wahrheit entspräche, ein Paradies zu nennen, dem das Glück beschieden ist, einen Abt, wie ich ihn oben beschrieben, mit einem so väterlichen Herzen für alle Brüder, zum Vorstand zu haben! Glücklich und überselig, daß es solche mit Gottes besten Gaben geschmückte Bewohner nähren und schirmen darf!

❡ Nimm hinzu die Pracht und Herrlichkeit des Klostergebäudes, das man nie genug bewundern kann! Wer wäre jemals imstande, würdig zu beschreiben jene prächtige Kirche mit ihrem Chor und ihrer doppelten Apsis, mit ihren Pfeilern, Kapellen, Altären und Wölbungen, die einst die Pfalzgrafen50, die hier im herrlichen Grabmal ruhen, erbaut haben? Aus schweren, wohlgeglätteten Quadern ist dieses Münster um vieles Geld erbaut worden für die Mönche, die sich hier zum Lobe Gottes und seiner heiligen Mutter und zu des heiligen Nikolaus’ Ehre angesiedelt haben. Da ist ferner das große Dormitorium mit seinen kleinen, sauberen Zellen, der herrliche Kreuzgang, der weite Kapitelsaal, das ausgedehnte Refektorium, das zweckmäßige Wärmhaus und das Waschhaus, das Schanzenhaus, das Sprechhaus, die Schreinerei und die anderen Werkhäuser der Mönche sowie die schöne Abtei und das Fremdenhaus mit seiner besonderen Kirche, die noch älter als das Kloster und dem heiligen Nikolaus geweiht ist. Wer vermöchte all diese Herrlichkeit nach rechter Gebühr zu beschreiben? Auch die Bücherei, fast hätte ich sie vergessen, mit ihren vielen uralten Werken, wer sollte nicht seine Freude daran haben?51 Wer möchte nicht auch sein Ergötzen haben an den schönen Wasserkünsten? Ebenso ist zu nennen die tiefe Einsamkeit, die dem, der Gott dienen und den philosophischen Studien sich hingeben will, zusagt und die er hier so schön findet, wo das Kloster weit und breit von waldigen Höhen umgeben ist, während im Talgrund der See seine tiefen Fluten weithin ausbreitet und zur Sommerzeit des Menschen Auge so freundlich erquickt. Wen sollte solch ein Anblick nicht zum Verweilen einladen?

❡ Ich habe das Kloster Limburg52 gesehen und darin gewohnt, desgleichen das Kloster Walzach53. Beide sind in dem Krieg zwischen dem Pfalzgrafen und dem Landgrafen verbrannt worden. Außerdem sah ich Hirschau54, Gottesau55, Seligenstadt56, Amorbach57, Sponheim58 und Johannisberg im Rheingau so wie die Klöster zu Köln, Trier, Mainz, Nürnberg, Prag, Bamberg und viele andere, die man als schön rühmt. Viele herrliche Klöster, sage ich, habe ich gesehen, aber nirgendwo fand ich eines, das diesem unserem Kloster zu Laach an wunderbarer Bauschönheit ähnlich wäre. Wohl mag es reichere Klöster geben, aber ein prächtigeres und festeres, reizender und friedlicher gelegenes Kloster gibt es nimmermehr.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Welche Mönche Johannes bei seinem Eintritt in Laach vorfand

Das wäre es nun, lieber Philipp, was ich Dir zur Empfehlung meines jetzigen Aufenthaltsortes und seiner Bewohner in Kürze mitteilen wollte. Du magst nun selbst darüber nachdenken und wirst Dir dann nach sorgfältiger Prüfung gewiß eingestehen müssen, daß ich viel zu wenig gesagt habe. Um mit meiner Schrift zu Ende zu kommen, muß ich Dir noch angeben, welche Väter und Brüder ich bei meiner Ankunft in diesem ausgezeichneten Kloster antraf. Ich werde sie aufzählen nach der Reihenfolge ihres Eintritts und Ranges und werde jedem Namen eine kleine Bemerkung anfügen.

❡ Als erster wäre als Vorsteher und Oberhaupt der hochwürdige Herr Simon von der Leyen zu nennen, der, wie man mir sagte, bereits im zehnten Jahr die Abtwürde bekleidete. Zu diesem Amt wurde er gewählt, als er noch Mönch in Hornbach59 war. Er ist ein Mann von wunderbarer Frömmigkeit, tugendhaftem Wandel und im Klosterleben bestens erfahren; dabei von sehr großer, ansehnlicher Gestalt und ehrfurchtgebietender Haltung, und wie er jeder Ehrenstelle würdig wäre, verdient er es auch, dieser erlauchten Genossenschaft Vater und dieses Ortes Herr zu sein.

❡ Die Stelle nach ihm nimmt der Prior Johann von Kond an der Mosel ein, zwar klein von Gestalt, aber groß von Tätigkeit und Tugend. Bereits seit acht Jahren bekleidet er dieses Amt vortrefflich. Der selige Abt Adam von St. Martin in Köln, der damals als Visitator hier weilte, hatte ihn von der letzten Stelle der Priester auf diesen Ehrenposten berufen. Dies war auf Zureden und Betreiben des Priors Pater Thomas60 geschehen, der damals durch ebendiesen Visitator zu den Nonnen und sieben Jahre vorher aus dem eigenen Kloster St. Martin als Prior versetzt worden war.

❡ Die Namen der übrigen Brüder waren folgende:

❡ Jakob von Vreden61 in Westfalen, Senior des Klosters, der damals in seinem sechzigsten Lebensjahr stand. Wegen der Reform war er einstmals von dem oben erwähnten Abt Adam von Köln hierhergeschickt worden und lebte hier nun schon einunddreißig Jahre, wie man sagte, im eifrigsten Dienste Gottes. Er war auch der erste Prior seit der Reform und ist jetzt unser treu sorgender Krankenpfleger und Werkhausaufseher. Er ist ein rechtes Vorbild des Ordenslebens und der klösterlichen Zucht; Tag und Nacht gibt er das leuchtendste Beispiel in allen guten Werken, ist er doch mit dem freudigsten Eifer bemüht, bei allen Übungen des Konvents der erste und der letzte zu sein. Niemals wird er, Krankheitsfälle abgerechnet, je dabei aus Nachlässigkeit fehlen.

❡ Der zweite Senior nach ihm war Dietrich von Zuzbach, gleich Jakob von Vreden der Reform wegen hierhergeschickt. Viele Jahre hindurch hatte er hier das Amt der Martha62 versehen und alsdann die Pfarrei Kruft übernommen. Zwei Jahre hatte er dieser vorgestanden, als er mit vielen anderen im Jahre 1502 an der Pest starb.

❡ Johann von Andernach63, der mit unserem vorigen Abt einstmals von Trier hierhergekommen war. Viele Jahre hat er hier gewohnt; in diesem Jahr ist er gestorben und etlichen nach seinem Tode erschienen.

❡ Simon von Holland64, aus einem Flecken dort gebürtig, ein fleißiger und sehr gelehrter und in den heiligen Schriften wohlbewanderter Mann von großem Ruf, dessen Haupt vor der Zeit sich mit grauem Haar bedeckte, obwohl er noch nicht länger als zwanzig Jahre dem Herrn hier dient.

❡ Gottfried von Köln65. Er ist Spedeler und unseres Herrn Kapellan. Wegen verschiedener Kunstfertigkeiten ist er weit und breit bekannt, versteht sich aber auch auf die Heilkunde, besitzt nicht zu verachtende Kenntnisse in der Astronomie und hat sich durch all dies unter dem Volk ringsum einen großen Ruf erworben. Er ist auch wohlerfahren in der Erzgießerei. Der vorige Abt hat ihn von St. Pantaleon in Köln hierhergebracht.

❡ Hermann von Hasselt66, im Niederstift Maastricht. Er ist im Werkhaus beschäftigt und ein geschickter Bildhauer und Tischler. Ebenso wie der vorerwähnte Simon ist auch er ein Sohn dieses Hauses, denn beide haben hier Profession getan. Hermann hatte noch einen Bruder hier, der gegenwärtig Abt zu Tholey ist.

❡ Benedikt, auch Chrysanthus67 geheißen, versieht den Dienst der Martha. Seinem Amte als Novizenmeister und seiner stillen Zelle, die er wegen seiner Freude am Blumenmalen (Miniaturmalerei) und Schreiben sehr liebte, hatte man ihn kurz vor meinem Eintritt entrissen und ihn auf diesen Posten gestellt. Er hat einen sehr feinen Geist und ist im Verständnis der Schrift sehr bewandert. Gebürtig aus der Stadt Münstereifel, war er vom Herrn von St. Martin in Köln, wo er bereits acht Jahre gelebt hatte, hierhergeschickt worden. Ungefähr ebensolange war er, wie es hieß, vor meiner Ankunft schon in Laach.

❡ Heinrich von Koblenz, Hauptkantor, Aufseher der Kleiderkammer, außerdem Gärtner, Glaser und Barbier. Obwohl weniger gelehrt, war er doch von sehr aufgewecktem Geist und im Konvent von großem Nutzen, wie er denn auch die Buchmalerei vom vorerwähnten Benedikt mit vielem Geschick erlernte.68 Er war ein guter Konventuale und ein Bruder ohne Falsch. Mir war er mehr als andere mit besonderer Aufrichtigkeit zugetan. Nachdem er ein Fieber überstanden hatte, schickte man ihn im vergangenen Sommer zur Wiederherstellung seiner Kräfte auf eine Zeit als Kaplan nach Kruft; er nahm jedoch immer mehr ab und ist unter meinem Beistand am Pfingsttag um zwölf Uhr heimgegangen zu Christus. Sein Tod war ein nicht geringer Verlust für den Konvent. Er war nämlich ein sehr angenehmer Gesellschafter und von so heiterem Charakter, daß er auch den Traurigsten leicht aufmunterte. Dabei war er nie müßig, sondern bemühte sich stets, mit nützlicher, fruchtbringender Beschäftigung die kurze Lebenszeit eines Sterblichen auszufüllen. Aus Erfahrung kannte er die Anfechtungen gut und verstand es, den Brüdern in ihren Versuchungen besser zu raten als jene, die viele bändereiche Schriften studiert hatten. Was ich hier sage, habe ich zur Zeit meines Noviziats selbst häufig von ihm erfahren. Dafür möge ewiger Trost und Freude sein Anteil sein! Amen.

❡ Der Reihe nach folgt auf Heinrich von Koblenz Johann von Kond, den ich seiner Würde halber mit Fug und Recht in diesem Verzeichnis unmittelbar hinter dem Abt eingereiht habe. Ebenfalls ein Sohn dieses Hauses, war er zusammen mit Heinrich von dem früheren Abt in den Orden aufgenommen worden und ist unter dem jetzigen zur Profession gelangt.

❡ Peter von Weiden69 im Jülicherlande, der ausgezeichnet schreibt und singt. Als ich Novize wurde, bekam ich ihn zum Meister. Später wurde er, während der Abt auf dem Jahreskapitel zu Erfurt weilte, durch Wahl des Konvents zum Nachfolger des verstorbenen Pastors von Kruft bestimmt. Neben anderen Vorzügen hat ihm die Natur eine posaunenhafte Stimme und ein überaus freundliches Gemüt verliehen, das ihn bei allen beliebt macht.

❡ Antonius von St. Hubert70, ein sehr fleißiger Herr, der damals wenige Tage zuvor seine erste heilige Messe gelesen. Er hatte das Refektorium und die Bienen zu versorgen, denen er auch die Körbe flocht. Nebenbei hatte er noch einen Jungen zu unterrichten, den Servatius, der von Kindesbeinen an unter der Obhut der Brüder im Konvent erzogen wurde. Seine Eltern, die Bettler waren, sind hier verstorben und haben ihn als Waisenkind hinterlassen. Solange er von Bruder Antonius streng unter der Rute gehalten wurde, war er ein braver und fleißiger Junge. Als er aber von ihm wegkam, wollte er kaum noch etwas gut tun und schien sehr auszuarten. Bruder Antonius hatte auch die Kirche des heiligen Nikolaus zu besorgen. Unter der Anleitung des schon erwähnten Peter, der vor ihm den Dienst in dieser Kirche gehabt und durch seine Predigten viel gewirkt hatte, ist aus ihm ein recht guter Prediger geworden. Zuletzt wurde er in Kruft angestellt, starb aber bereits 1502 nach einem Jahr, zusammen mit obengenanntem Pastor Dietrich, an der Pest. Bruder Antonius verstand sich trefflich auf kunstreiche Holzarbeiten, davon zeugen die Schränke, die er als Schmuck für Chor und Refektorium fertigte.

❡ Heinrich von Kempen, einem Städtchen des Kölner Bistums. Er ist erst Diakon, aber ein Mann von besonderer Frömmigkeit. Er hat in Deventer unter dem Magister Alexander studiert und ist durch Pater Tilman71 hierhergekommen. Diesen Pater Tilman traf ich im Jahr 1500 hier nicht mehr an, denn er war mit einem gewissen Gerhard, der früher Prior, zuletzt Sakristan hier gewesen, auf Veranlassung des Herrn Johann Trithemius, des Abtes von Sponheim, nach dem Kloster Limburg versetzt worden.

❡ Arnold von Arnheim, einer Stadt im Gelderland. Mit obengenanntem Heinrich hierhergekommen, feierte er wenige Tage vor meiner Ankunft seine erste heilige Messe. Bis zum Tod der oben erwähnten Anton und Dietrich versah er sorgfältig den Küsterdienst in der Kirche. Danach wurde er in Abwesenheit des Abtes, der zum Jahreskapitel gereist war, vom Prior nach Kruft gesandt, wo er zwei Jahre lang das Amt eines Kaplans versah. Hierauf wurde er vom Abt auf seinen alten Posten zurückberufen, wo er sich bis auf den heutigen Tag bemüht, diesen mit aller Emsigkeit zu verwalten. In lobenswerter Weise betätigt er sich außerdem in der Glaserwerkstatt, der Schreinerei und der Schnitzerei.

❡ Johann von Linz72, Subdiakon, der jüngste der Profeßmönche. Er war, als ich eintrat, noch nicht volle drei Jahre im Orden und ist jetzt Kaplan in Kruft. Hier hatte er nach dem oben genannten Anton einige Jahre die Kirche des heiligen Nikolaus zu versehen und ist ein ziemlich gewandter Prediger geworden. Zugleich hatte er damals das Refektorium zu besorgen und sich um den schon erwähnten Servatius zu kümmern.

❡ Cratho von Nürburg, einer Burg in der Eifel. Er ist Konversbruder und Unterküster, ein Mann, der sich wenig Schlaf gönnt, viel fastet und große Liebe zu allen empfindet, dabei von vorzüglicher Frömmigkeit, so verweilt er gern und lange in frommem Gebet in der Kirche. Seine Tätigkeit besteht darin, die Brüder zu wecken, zu jeder Stunde das Zeichen mit der Glocke zu geben, die Lampen in Ordnung zu halten, in der Messe zu dienen, im Refektorium die Tafel zu decken, im Winter dort zu heizen, die Räume des Konvents reinzuhalten und ähnliche Dienste zu leisten, versteht er sich doch auf keine Kunst oder Handwerk. Ehemals ein Ritter, wandte er sich dem Orden zu und hat es in mehreren Tugenden, besonders in der Geduld, sehr weit gebracht.

❡ Peter von Kirburg war bei meinem Eintritt noch Novize. Er trug schon ein halbes Jahr vor mir den Habit; anstelle des anderen Peter, der wegging, wurde er mein Genosse, Mitschüler und mir inniger Freund. Er war ernsthaft bemüht, in der Vollkommenheit fortzuschreiten, war fromm, gewissenhaft in allen seinen Handlungen und eifrig im Gehorsam. Als er angewiesen wurde, in der Sakristei auszuhelfen, war es ein Wunder zu sehen, wie emsig er das alles besorgte. Doch es währte nicht lange, da wurde er mit mir nach Trier geschickt und in St. Marien zu den Märtyrern zum Priester geweiht. Die Anstrengungen der Reise erschöpften ihn aber so, daß er bald danach starb.

❡ Dies waren die eigentlichen Mitglieder des Konvents, die ich im berühmten Kloster zu Laach vorfand. Außerdem waren dort noch die nichtreformierten Herren, die von den alten Mönchen vor der Reform übriggeblieben waren, und zwei Laienbrüder, die wir Donaten nennen, sowie etliche Pfründner, gesetzte Männer, die dem Kloster recht nützlich sind. Nach meiner Profession war ich glücklich, dem Konvent zugerechnet zu werden, worüber ich mich denn allzeit freuen muß in dem, der da ist Gott, gepriesen, gelobt und geehrt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Nachschrift an den Bruder

Da hast Du nun, lieber Bruder, auf drei Bücher verteilt, eine kurze und offenherzige Beschreibung meiner Wanderschaft, wie Du sie so dringend von mir begehrtest, als Du, nach fernen Gauen berufen, den Wanderstab ergriffst. So hast Du wenigstens eine kleine Vorstellung von all dem Elend, das ich von Kindheit an zu erdulden hatte, als verschiedene widrige Winde mich auf dem wechselvollen, stürmischen Meer dieser Welt bald hierhin, bald dorthin verschlugen, bis mein Schifflein endlich hier in diesen ruhigen Meereshafen einlief. Wenn Du nun mein Schicksal bedenkst, so wirst Du Dich leichter in die dürftigen Verhältnisse finden, die Du gegenwärtig zu ertragen hast. Du hast hier ein Spiegelbild meiner Mühen und meiner Armut: Sooft Du davor hintrittst, wird es Dir eine Quelle des Trostes in Deinem Elend sein.

❡ Dies war ja auch der Beweggrund, weshalb Du mich zu diesem Unternehmen aufgefordert hast. Ich habe nun Deinem Wunsche entsprochen. Was ich mit kurzem Gedächtnis mir von meinen Erlebnissen in die Erinnerung zurückrufen konnte, habe ich in schlichten Worten und in dem ungeschliffenen und rohen Stil, wie er mir zu Gebote steht, treulich berichtet. Habe ich damit eine Torheit begangen, so bist Du schuld daran. Ich tat, was Du verlangtest, vielleicht nur nicht so ausführlich, wie es Dein Wunsch war. Wo es mir Verdruß bereitet hätte, mehr auf Einzelheiten einzugehen, dort habe ich nur summarisch berichtet. Mehr Zeit auf das Büchlein zu verwenden war mir leider nicht möglich, da ich neben dem regelmäßigen Besuch des Chores auch für die Kleiderkammer und das Refektorium zu sorgen, um die Novizen mich zu kümmern sowie die Nikolaikirche zu betreuen habe und dadurch den ganzen Tag bald hier, bald dort in Anspruch genommen bin, so daß mir die Lust zu einer größeren Arbeit vergeht. Deshalb bin ich an vielem mit flüchtiger Feder nur vorübergeeilt und habe es kaum berührt. So viel kannst Du immerhin daraus ersehen, daß auch mir in dieser Welt Gelegenheit geboten wurde, durch Arbeit und Schmerz dem seligen Leben im himmlischen Vaterland zuzustreben, so wie der Heidendichter73 sagt:

Durch viel Ungemach, durch so viel der schlimmsten Gefahren streben wir Latium zu; dort zeigt uns ruhigen Wohnsitz unser Geschick, Leicht ist zum Avernus der Abstieg, Nacht und Tag stehen offen das Tor des düsteren Pluto. Aber zurückzulenken den Schritt zu den Lüften des Himmels, Leistung ist es und Last; nur wenige, huldvoll geliebt von Jupiter oder feurige Kraft zum Himmel gehoben Göttersöhne leisteten dies; ...

Das will sagen: Die auf dem Wege der Liebe, durch die Lehren der Heiligen erneuert, zu wandeln bemüht sind, werden dorthin gelangen; wie uns ja wirklich kein anderer Weg bleibt, als da der Dichter spricht:

Nicht durch Lust und Reichtum geht es hinauf zu den Sternen,

sondern:

Wachse, o Knab, in der Tugend empor! So geht man zur Sternenbahn!

❡ So spricht Vergil, von dem schon der heilige Augustin sagte, daß er notwendig in den Händen der Knaben sich finden müsse, die in den Wissenschaften es zu etwas bringen wollen. Im übrigen suche Du, lieber Philipp, Deinen Trost im Leiden Christi, der für uns ein Fremdling und arm geworden ist, und lebe nach seinen Geboten. Halte Dir die Beispiele der Heiligen und jener weisen Männer vor Augen, die als arme Pilger die ganze Welt durchwanderten, um sich Wissenschaft zu erwerben. Lies auch öfter das Gedicht74, das mein Schüler Jakob verfaßte. In ihm wird Dir eine kurze, aber nützliche Richtschnur für Dein Studienleben vorgezeichnet und zugleich wirst Du hingewiesen auf die herrliche Frucht solcher Mühen.

❡ Wegen unserer Angehörigen mache Dir keinerlei Sorgen. Es geht ihnen allen, wie ich höre, sehr gut. Auch uns hier geht es allen recht wohl in Christus, der Dich gesund und wohlbehalten aus der Fremde in die Heimat geleiten wolle. Amen!

❡ Es grüßen Dich meine Schüler, die Brüder Jakob, Matthias, Valerius75, Peter und der Kleriker Servatius, den ich sogleich zu Dir senden werde. Heribert, Christian und Johann zog es, während ich in unserer Heimat war, aus dem Kloster in die Welt zurück. Sie hatten die Hand an den Pflug gelegt, zogen sie aber zurück und gingen hin in ihr Land, um mit dem verlorenen Sohn von den Trebern der Schweine zu essen. Mit den Hunden kehrten sie zurück zu dem Gespei ihrer vorigen Werke. Sie sind von uns weggegangen, weil sie nicht von uns waren. Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt. Lebe wohl!

Laach, am 1. April im Jahr des Herrn 1506


  1. Johannes Corvello aus Euskirchen (1480-1509), Mönch zu Johannisberg, wo Butzbach ihn kennenlernte. Die obigen Verse sind der „Elegia de falso amico et de miseria praesentia vitae“ entnommen, die Corvello neben anderen Gedichten Butzbach widmete (Anm. d. Übers.). 

  2. Zum Vergleich sei angeführt, daß Anfang des 16. Jahrhunderts ein Mantel für einen Hausknecht in Augsburg 5,5 Gulden kostete. 

  3. Seit dem 14. Jahrhundert wetteiferte das reiche Bürgertum mit dem hohen Adel in der Luxusentfaltung. Einzelne Reichsfürsten haben durch Kleiderordnungen versucht, diesen Luxus einzudämmen, weil man fürchtete, das äußere Erscheinungsbild der Stände werde verwischt. Aber weder diese noch die von den Reichstagen zu Lindau 1497, zu Freiburg 1498 und zu Augsburg 1500 erlassenen Kleiderordnungen konnten diese Entwicklung wesentlich beeinflussen.  

  4. Kamelott, aus Kamel- oder Ziegenhaar gewebter Stoff, meist aus Kleinasien oder Zypern. 

  5. Zendel, Zendelin, leichter taftartiger Seidenstoff, häufig für Fahnen und Decken verwendet. 

  6. Gerardus von Montabaur, der 16. Abt von Johannisberg († 1496). Butzbachs Aufenthalt im Kloster Johannisberg währte etwa zwei Jahre. 

  7. Johannes von Segen († 1515) war der 17. Abt von Johannisberg. 

  8. Habit, Ordenstracht. 

  9. Graf Johann von Solms-Lich († 1457), der Sohn des Grafen Otto von Solms († 1409). 

  10. Kellner, Aufseher über Keller und Speicher, Kellermeister. 

  11. Spedeler, Verwalter der Speisekammer. 

  12. Johannes Trithemius (1462-1516), Theologe, Historiker und Humanist, 1485-1506 Abt des Klosters Sponheim bei Kreuznach, 1506-1516 Abt des Schottenklosters St. Jakob in Würzburg. Von seinen zahlreichen Schriften sind noch heute von Bedeutung seine literarhistorischen Werke „Catalogus illusttium virorum Germaniae“ (1491) und „De scriptoribus ecclesiasticis“ (1494), die Butzbach zu ähnlichen Arbeiten anregten. 

  13. Spinde, in niederdeutschen Gegenden schrankförmiges Behältnis; ursprünglich die Austeilung von Speisen an die Armen, hier bezeichnet es wohl die Speisekammer. 

  14. Trester, der bei der Weinkelterung zurückbleibende Preßkuchen aus Weintrauben. 

  15. Die im 12. Jahrhundert gegründete Zisterzienserabtei Eberbach bei Hattenheim im Rheingau. Aus einer Andeutung im 6. Kapitel des Briefes, welchen Philipp Drunck nach seinem Eintritt in das Kloster Brombach an Butzbach schrieb, geht hervor, daß dieser sich längere Zeit bei den Zisterziensern in Eberbach aufhielt und in der Schneiderei beschäftigt war (Anm. d. Übers.). 

  16. Lollarden, eine um 1300 in Antwerpen gegründete religiöse Gemeinschaft, die besonders in den Niederlanden und in Deutschland verbreitet war und sich der Krankenpflege und Leichenbestattung widmete, vielfach der Ketzerei verdächtigt und verfolgt. In England der Name für die Anhänger Wiclifs. 

  17. Hillig, Eheverlöbnis, Mitgift. 

  18. Die Ankunft Butzbachs in Deventer fällt in die ersten Tage des August 1498, denn er bemerkt im Auctarium, daß er der letzte vom Rektor Hegius († 27. 12. 1498) aufgenommene Schüler gewesen sei und dessen Unterricht nur fünf Monate genossen habe. Butzbach war zu der Zeit 21 Jahre alt. In der achten Klasse begann der Unterricht mit dem Lesen und Memorieren der Grammatik des Donatus (Anm. d. Übers.). 

  19. Brüder vom gemeinsamen Leben, eine um 1376 von Gerhard Groote in den Niederlanden gegründete Bruderschaft. Die Brüder hatten gemeinsamen Besitz und führten in eigenen Fraterhäusern ein klösterliches Leben, ohne durch ein Gelübde gebunden zu sein. Sie bestritten ihren Lebensunterhalt durch Abschreiben von Büchern sowie durch den Buchdruck und haben sich große Verdienste durch ihr Schulwesen und die Förderung unbemittelter Schüler und Studenten erworben. Aus ihren Schulen sind so berühmte Männer wie Thomas von Kempen, Nikolaus von Kues, Erasmus von Rotterdam u. a. hervorgegangen. 

  20. Butzbach wohnte das erste Dreivierteljahr bei Gutta Kortenhorff, die ein stilles, ganz den Werken der Frömmigkeit und Nächstenliebe gewidmetes Leben führte. Sie nahm arme Schüler, besonders solche, die in den Franziskanerorden oder den reformierten Benediktinerorden eintreten wollten, in ihr Haus auf und unterstützte sie auch sonst in jeder Weise. Als sie starb, stiftete sie ihr Haus und ihr Vermögenzu einem Hospiz für bedürftige Studenten (Anm. d. Übers.). 

  21. In einem Brief an den Humanisten Johannes Trithemius vom Jahre 1509 berichtet Butzbach, er habe in Deventer aus Mangel an dem Notwendigsten mehr in der Schneiderei arbeiten müssen als studieren können (Anm. d. Übers.). 

  22. HI. Lebuin (f um 780 in Deventer), Benediktiner aus Ripon in der englischen Grafschaft York, Missionar der Friesen und Westfalen. 

  23. HI. Margaretha (f 290 in Antiochien), Märtyrerin; sie gehört zu den 14 Nothelfern. 

  24. Hl. Radbod (f 918), Bischof von Utrecht. 

  25. Alexander Hegius (um 1433-1498), bedeutender Pädagoge, 1469-1473 Rektor der Schule in Wesel, seit 1474 bis zu seinem Tode in Deventer; kämpfte erfolgreich gegen mittelalterliche Lehrbücher und für die antiken Klassiker; Gegner der Astrologie. 

  26. Erasmus Desiderius, gen. Erasmus von Rotterdam (1469 bis 1536), niederländischer Schriftsteller, der bedeutendste Humanist des 16. Jahrhunderts. Er gab die Scriften vieler antiker und christlicher Autoren heraus. Seine kritische Ausgabe des griechischen Textes des Neuen Testaments von 1516 wurde von der Kirche stark angefeindet; Luther legte sie seiner Bibelübersetzung zugrunde. Er kritisierte die Verfallserscheinungen in der Kirche, brach aber nicht mit ihr. 

  27. Rudolf Agricola (1443-1485), niederländischer Humanist, Schriftsteller, Maler und Musiker. Er trieb mehrere Jahre humanistische Studien in Italien und hatte großen Anteil an der Verbreitung des Humanismus in Deutschland. 

  28. Johann von Dalberg (1445-1503), Humanist; im Dienste des Kurfürsten Philipp von der Pfalz machte er sich um die Förderung der Universität Heidelberg verdient; seit 1482 Bischof von Worms, Vorsteher der von Konrad Celtis gestifteten Societas literaria Rhenana. 

  29. Michael Hobing aus dem westfälischen Amt Horstmar. Sein Ruf als Schulmann und Dichter drang bis zu Kaiser Maximilian I. Als dieser seine Dichtungen las, gefielen sie ihm so gut, daß er ihn zur Tafel zog und mit Geschenken ehrte (Anm. d. Übers). 

  30. Hermann von dem Busche (1468-1534), Schriftsteller und Humanist, Schüler des Alexander Hegius in Deventer. Sein Hauptwerk „Vallum humanitas“ (1518) ist eine geistreiche Verteidigungsschrit des Humanismus. Er ergriff Reuchlins Partei im Dunkelmännerstreit und wurde Anhänger Luthers und Huttens. 

  31. Jakob Fabri, Schüler des Alexander Hegius, sammelte und ordnete den literarischen Nachlaß von Hegius; Lehrer an der Schule in Deventer (Anm. d. Übers.). 

  32. Alanus de Insulis (um 1120 - um 1202/03), französischer Theologe, Philosoph, Dichter und Historiker. Von seinem „Doctrinale altum parabolarum“ erschienen im 15. Jahrhundert 21 Ausgaben, fünf davon in Deventer. 

  33. Cato, unbekannter Autor, der im 3. Jh. n. Chr. unter dem Namen M. Porcius Cato Censorius schrieb. Von den Disticha Catonis erschienen im 15. Jahrhundert 34 Ausgaben, elf davon in Deventer. 

  34. Gemeint ist die sogenannte „Bursfelder Reformation“ des Benediktinerordens in Deutschland, die bereits auf dem Konzil zu Konstanz (1414-1418) angeregt und zuerst 1422 durch Abt Johann Rode im Kloster St. Maximin bei Trier eingeführt wurde. Nach dem Vorbild von Trier fand die neue Ordnung auch in Bursfeld bei Göttingen Eingang. Von hier aus gewann die Reform immer weitere Verbreitung. Die reformierten Klöster bildeten seit 1446 die sogenannte „Bursfelder Union“ mit jährlicher Kapitelversammlung, gemeinschaftlichem Präsidenten und Visitatoren. Besondere Förderung erfuhr diese durch Kardinal Nikolaus von Kues und Papst Pius II. Bis zur Reformation traten der Union 95 Männerklöster bei. 

  35. Bartholomäus von Köln (um 1460-um 1514), lehrte Literatur in Deventer und Zwolle. 

  36. Dieser hieß Heinrich von Reymbach und gehörte dem Augustinerchorherrenstift an, das 1429-1580 auf der Insel Niederwerth bei Vallendar bestanden hat (Anm. d. Übers.). 

  37. Simon von der Leyen, der 22. Abt von Laach (1491-1512), war vorher Mönch im Kloster Hornbach (Bistum Metz). Unter seiner Leitung erreichte das Kloster Laach seine größte Blüte. 

  38. Johann Ostendorp, Kanoniker an der Kirche zu Deventer und Nachfolger des Alexander Hegius als Rektor der Schule zu Deventer. 

  39. Paul von Kitzingen wurde später Professor der freien Künste in Köln (Anm. d. Übers.). 

  40. Damals hatte die Schule von Deventer nach Butzbachs Angaben 2200 Schüler (Anm. d. Übers.). 

  41. Anfang August 1498 hatte Butzbach die Schule von Deventer bezogen. In der achten Klasse war er nur kurze Zeit, übersprang die siebente und stieg bereits Ostern 1499 zur fünften auf. Schon nach einem halben Jahr fand man ihn reif für die vierte Klasse, von der er nach einem Jahr, im Herbst 1500, in die dritte kam (Anm. d. Übers.). 

  42. Jakob Siberti aus Münstereifel war damals Lehrer an der berühmten Schule zu Emmerich und trat im Jahre 1503 als Mönch in Laach ein, wo er der vertrauteste Freund Butzbachs wurde (Anm. d. Übers.). 

  43. Dieses Doppelkloster des Birgittenordens lag an der Straße zwischen Xanten und Kalkar und hieß Marienbaum; es war am 27.7.1460 von Maria von Burgund, der Witwe des Herzogs Adolph von Kleve, gegründet worden (Anm. d. Übers.). 

  44. In seinem Streit mit dem Domkapitel, das 1472 den Landgrafen Hermann von Hessen zum Verweser des Kölner Erzstifts wählte, rief der Kurfürst und- Erzbischof von Köln, Rupert von der Pfalz, den burgundischen Herzog Karl zu Hilfe; dieser belagerte Hermann in der Festung Neuß 1474/75 fast ein Jahr lang, bis Kaiser Friedrich III. mit einem Heer von 80000 Mann ihn zur Aufgabe der Belagerung zwang. 

  45. Adam Mayer († 1499), zunächst Weltpriester, trat dann zu St. Matthias bei Trier in den Benediktinerorden ein. Auf Veranlassung des Kardinals Nikolaus von Kues wurde er nach St. Martin zu Köln versetzt, wo er 1454 Abt wurde. Seitdem arbeitete er ein halbes Jahrhundert rastlos und erfolgreich für die Erneuerung des Benediktinerordens. Zahlreiche Klöster in Rheinfranken und am Niederrhein, unter ihnen auch Kloster Laach seit 1471, verdanken ihm die Einführung der Bursfelder Reformation (Anm. d. Übers.). 

  46. Schilder, gemalte oder gedruckte Bilder. 

  47. Johann II. von Baden, Bischof von Trier 1456-1503. 

  48. Schaffner, Aufseher, Verwalter. 

  49. Refektorium, Speisesaal der Mönche. 

  50. Pfalzgraf Heinrich II. stiftete Kloster Laach am 12. 4. 1095. 

  51. Dagegen spricht Butzbach in seiner „Apologia ad Trithemium“ von der Laacher Bibliothek als einer „ziemlich armseligen“ (Anm. d. Übers.). 

  52. Limburg, im Bistum Speyer in der Nähe von Dürkheim gelegen. Die Kirche des Klosters war die größte, die der weitgereiste Trithemius sah; sie wurde im bayerischen Erbfolgekrieg am 30.8.1504 zerstört. Georg der Reiche, Herzog von Bayern, war 1503 gestorben. Sein Schwiegersohn Ruprecht von der Pfalz nahm widerrechtlich das Herzogtum in Besitz. Kaiser Maximilian I. erklärte ihn in die Acht. Unter den Heeren, die gegen den Pfälzer aufgeboten wurden, zeichnete sich das des Landgrafen Wilhelm von Hessen durch besondere Zerstörungswut und mordbrennerische Kriegführung aus. Auf hessischer Seite benutzte Graf Emich VII. von Leiningen die Gelegenheit, einen alten Groll gegen den Abt von Limburg auszulassen, indem er die Klosterkirche in Brand setzen ließ (Anm. d. Übers.). 

  53. Ebenfalls im bayerischen Erbfolgekrieg ließ ein Kriegsoberster des Markgrafen Friedrich von Brandenburg das Zisterzienserkloster Walzach in Bayern niederbrennen (Anm. d. Übers.). 

  54. Hierschau im Bistum Speyer. 

  55. Gottesau bei Karlsruhe. 

  56. Seligenstadt bei Offenbach in der Mainebene. 

  57. Amorbach mit viertürmiger Kirche in Unterfranken am linken Mainufer. 

  58. Sponheim bei Kreuznach. 

  59. Hornbach im Bistum Metz. 

  60. Thomas von Wied war um 1492 als Beichtvater in das Benediktinerinnenkloster Rolandswerth versetzt worden, wo ebenfalls durch den Abt Adam Mayer die Bursfelder Reformation eingeführt worden war. Nach dem Tod Simons von der Leyen wurde er im April 1512 zum Abt von Laach gewählt und ist 1530 gestorben (Anm. d. Übers.). 

  61. Jakob, gebürtig aus dem Städtchen Vreden (Kreis Ahaus), schloß sich nach siebenjährigem Schulbesuch in Kleve und Duisburg im niederländischen Zwolle den Brüdern vom gemeinsamen Leben an. Abt Adam Mayer von St. Martin in Köln gewann ihn für den Benediktinerorden und übertrug ihm als Prior 1471 zusammen mit sieben anderen Mönchen die Reform des Klosters Laach. Ein Teil der bisherigen Mönche widersetzte sich hartnäckig der Einführung einer strengeren Klosterzucht und vertrieb den neuen Prior. Am 20.8.1474 wurde Kloster Laach mit Gewalt geöffnet, die meisten der aufrührerischen Mönche ausgewiesen und die Reform eingeführt. Jakob von Vreden starb im 72. Lebensjahr am 4. 2. 1511 in Laach (Anm. d. Übers.). 

  62. Martha: die eifrig in der Küche Waltende. 

  63. Johann von Andernach kam mit Johann von Dedesheim 1469 aus dem Kloster St. Marien bei Trier nach Laach, als dieser zum Abt von Laach gewählt wurde. Er starb 1505 (Anm. d. Übers.). 

  64. Simon von Holland stammte aus Husdingen und starb 1510 in Laach (Anm. d. Übers.). 

  65. Gottfried Mairos war befreundet mit dem gelehrten Pfarrer von Moselweis, Gerlach von Mainz, der als Astronom und Prediger einen guten Ruf hatte (Anm. d. Übers.). 

  66. Hermann von Hasselt war um 1480 von Abt Johann von Dedesheim mit sechs anderen Mönchen nach Tholey (Kreis Ottweiler) geschickt worden, um im dortigen Kloster die Reform einzuführen. Zuerst wurde er dort Kellner, dann Abt und 1506 Visitator der Bursfelder Union (Anm. d. Übers.). 

  67. Auf Anregung des Priors Thomas verfaßte Chrysanthus für die jüngeren Brüder eine Art kurzgefaßte Enzyklopädie der Wissenschaften, das „Panepistemon“, das von Jakob Siberti auf sechs Bücher erweitert wurde. Später war er Nachfolger des Abtes Adam Mayer von St. Martin in Köln und starb am 22. 9. 1532 im Alter von 63 Jahren (Anm. d. Übers.). 

  68. In seiner Schrift über berühmte Maler „De claris picturae professoribus“, die er der wegen ihres Maltalents berühmten Nonne Gertrud von Büchel auf Rolandswerth widmete, rühmt Butzbach die Kunstfertigkeit sowohl des Chrysanthus als auch seines Schülers Heinrich (f 1504) als Miniatoren von liturgischen Büchern (Anm. d. Übers.). 

  69. Weiden, ein Ort bei Aachen. 

  70. Antonius von St. Hubert, ein gebürtiger Franzose, war ein vortrefllicher Prediger; er hinterließ einen Band Predigten und eine große Briefsammlung (Anm. d. Übers.). 

  71. Tilman von Bonn wurde 1499 zusammen mit Gerhard Baldewin von Oedmersheim nach Limburg berufen, um hier als Prior die Bursfelder Reform einzuführen. Nach der Zerstörung des Klosters Limburg kehrte er 1504 nach Laach zurück (Anm. d. Übers.). 

  72. Johann von Linz war Schreiber des Klosters Laach. Einige der handschriftlich überlieferten Werke Butzbachs sind von ihm geschrieben. 

  73. Vergil, Aeneis 1, 204-206; VL, 126-1315 IX, 641: 

  74. Die Schrift Jakob Sibertis hatte den Titel „Didascalicon ad Philippum Haustulum“. 

  75. Valerius von Mayen, der später einige der handschriftlich überlieferten Werke Butzbachs geschrieben hat.